Vimy (April 1917

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Der Höhenrücken von Vimy, der nördlich von Arras auf 145 Meter Höhe steigt, war von Beginn des Stellungskriegs im Oktober 1914 an ein wichtiger Punkt im deutschen Verteidigungssystem. Von hier aus konnten die Deutschen das gesamte Schlachtfeld kontrollieren, sowohl in Richtung von Arras als auch in Richtung des östlichen Kohlebeckens – beides in den Händen der Alliierten. Am Hang hatten sie Artilleriebatterien installiert, die vom Gipfel aus gesteuert wurden. So konnten sie ungefährdet die alliierten Linien bei Arras unter Feuer nehmen. Aufgrund der strategischen Bedeutung verstärkten die Deutschen den Höhenrücken massiv. Sie errichteten Schützengräben mit Betonunterständen und so viele unterirdische Gänge und Räume, wie das kreidehaltige Terrain erlaubte.
Von Ende 1914 bis Ende 1916 scheiterten alle Versuche der Alliierten den Höhenzug von Vimy einzunehmen.

Anfang April 1917 sollten die vier in Frankreich stationierten kanadischen Divisionen zum ersten Mal in einem Korps vereint am Frontabschnitt bei Arras zum Einsatz kommen. Wenige Tage vor der Hauptoffensive der Franzosen auf dem Chemins de Dames sollten im Rahmen eines gemeinsamen Angriffs der britischen Armeen die deutschen Kräfte im Raum Arras gebunden werden. Während die englischen Einheiten den Befehl hatten, östlich von Arras entlang des Flusses Scarpe vorzudringen, sollten die Kanadier den Höhenzug von Vimy einnehmen.

Die Kandier trafen genaue und intensive Vorbereitungen. Sie hatten ganze Abschnitte der deutschen Linien im Hinterland nachgebildet, um ihre Männer unter möglichst realen Bedingungen zu trainieren. Die Aufgaben waren bis in die Kompanien hinein genauestens definiert. Große Aufmerksamkeit galt der Dokumentation des Geländes durch die Luftaufklärung, um die deutschen Stellungen so detailliert wie möglich zu kennen. Zudem gruben die Kanadier in mehreren Monaten und unter beachtenswerter Anstrengung ein großes unterirdisches System aus zwölf Tunneln in unterschiedlichen Tiefen. Die Gänge mit einer Länge von bis zu einem Kilometer verliefen größtenteils im rechten Winkel zur Front. Sie sollten den Sturmtruppen einen gesicherten Zugang zur ersten Linie ermöglichen und für einen schnellen Transport von Verletzten, aber auch von Nachschub und Verstärkung sorgen. Die Tunnel waren beleuchtet, einige verfügten sogar über Schmalspurbahnlinien und eine Kanalisation. Darüber hinaus waren sie an große Bunker mit Nahrung und Munition angeschlossen. Schließlich trieben die Kanadier auch noch Gänge unter dem Niemandsland voran, um auf der Höhe der ersten feindlichen Linie Minen zu legen. Deren Explosion sollte das Zeichen zum Angriff sein. Am Abend des 8. April machten sich 30.000 Soldaten des kanadischen Armeekorps auf den Weg zur ersten Linie.

Die Vorbereitung durch die Artillerie begann Mitte März: 600 Kanonen nahmen die deutschen Stellungen unter Trommelfeuer. Am Ostermontag, den 9. April, verstärkten die Kanadier um 5 Uhr 30 das Bombardement. Kurze Zeit später stürmte die kanadische Infanterie bei starkem Schneefall und zeitgleich mit der englischen Offensive bei Arras zum Angriff.  Unterstützt durch Panzer eroberten die Kanadier innerhalb von 30 Minuten einen Teil der ersten deutschen Linie. Nach nur einer Stunde Kampf konnten sie auch Abschnitte der zweiten Linie einnehmen.

Trotz schwerer Verluste durch feindliches Maschinengewehrfeuer kontrollierten die Kanadier bereits am Nachmittag den größten Teil des Plateaus. Nach einer nächtlichen Pause setzten sie ihren Vormarsch fort und nahmen am Morgen des 10. April den  „Hügel 145“ ein, wo seit 1936 ein eindrucksvolles Denkmal steht. Zwei Tage später hatten sie den gesamten Höhenrücken besetzt. Dies zwang die Deutschen zum Rückzug in das Kohlebecken und zur Aufgabe ihrer Kanonenbatterien. Die Kanadier nahmen auf einem Frontabschnitt von 14 Kilometern innerhalb von drei Tagen 3.400 Männer gefangen. Dieser schnell erkämpfte Sieg kostete jedoch viele Opfer: Die Kanadier hatten 10.602 kampfunfähige Soldaten zu beklagen, darunter 3.598 Tote.

Der Erfolg in Vimy stellte eine Zäsur mit Blick auf die ungeordneten, blutigen und ergebnislosen Kämpfen an der Westfront zwischen 1914 und 1917 dar. Im Heimatland der Soldaten hatte er einen entsprechend positiven Effekt: Nachdem die kanadische Gesellschaft zu Kriegsbeginn mit Begeisterung und Enthusiasmus in den Krieg gezogen war, stellte sie ihre Beteiligung nach den ersten Niederlagen schnell in Frage. Der Erfolg von Vimy änderte nun wiederum die Meinung vieler Kanadier.

Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais