Kaiserschlacht: die deutsche Frühjahrsoffensive 1918

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Ende des Jahres 1917 nutzte das deutsche Oberkommando ohne zu zögern den günstigen strategischen Kontext: Aufgrund der russischen Revolution und des Zusammenbruchs der Zarenarmee musste das Deutsche Reich nur noch an der Westfront kämpfen und konnte dort alle verfügbaren Kräfte konzentrieren. General Erich Ludendorff plante einen groß angelegten, entscheidenden Angriff für den Frühling 1918, bevor die amerikanische Armee vollständig einsatzbereit war. Diese Offensive richtete sich vor allem gegen die britische Armee. Die deutschen Strategen gingen nämlich davon aus, dass die Briten nach den vier verlustreichen und erfolglosen Offensiven des Jahres 1917 in Arras, Messines, Passchendaele und Cambrai geschwächt seien.

Mitte Februar 1918 war die Verlegung der deutschen Divisionen von der Ostfront nach Frankreich größtenteils beendet. Von den 110 Divisionen an vorderster Front standen 50 den Briten gegenüber. Die Deutschen nannten ihre Offensive emphatisch „Kaiserschlacht“. Sie bestand aus zwei Hauptphasen: Der erste Angriff galt der Somme, der zweite sollte den Durchbruch in Französisch-Flandern erreichen.

Das Ziel der ersten Offensive, der „Operation Michael“, bestand darin, die britische Front bei Amiens zu durchbrechen und sich dann Richtung Norden zu bewegen. Dabei sollten die für den Nachschub der Alliierten wichtigen Eisenbahnstrecken abgeschnitten und die englischen Streitkräfte in einem engen Bereich eingekreist und zur Kapitulation gezwungen werden. Der Frontabschnitt, den die Deutschen für ihren Angriff auswählten, war erst kurz zuvor auf Wunsch der Franzosen von den Briten übernommen worden. Die Zustimmung hierzu hatte Premierminister David Lloyd George bei der Konferenz von Boulogne gegeben – gegen die ablehnende Haltung seines Generalstabs.

Die Franzosen hatten den Frontabschnitt nur unzureichend befestigt. Das zwang die Briten zu umfangreichen Arbeiten. Die Moral der Soldaten, die ohnehin unter ihren schweren Verlusten und dem geringen Nachschub litten, sank zusehends. Als die Briten gerade mit den Befestigungsarbeiten der Front begonnen hatten, griffen die Deutschen an.

Die Strategie des deutschen Oberkommandos war einfach, bestach aber durch taktische Neuerungen, die sich an der italienischen und russischen Front bewiesen hatten. Zum einen konzentrierte sich die Artillerievorbereitung auf die feindlichen Maschinengewehrstellungen und die Artilleriebatterien nahe der Front. Auch die für die Verteidigung relevante Infrastruktur im Hinterland wie Sammellager und Bahnhöfe wurden angegriffen. Das gründliche Sperrfeuer war kurz, aber heftig und der Infanterieangriff erfolgte in kleinen, auf die Infiltration gegnerischer Stellungen spezialisierten Gruppen: Sie drangen so schnell wie möglich in entstandene Breschen in den feindlichen Linien ein, setzten sich dort fest und überließen der zweiten Angriffswelle die Aufgabe, mit mobilen Artilleriebatterien die restlichen Widerstandsnester zu eliminieren.

Die Operation Michael begann am 21. März 1918 und traf die britischen Truppen überraschend und mit unglaublicher Heftigkeit. Ihre zahlenmäßige Überlegenheit von 58 deutschen Divisionen gegenüber 16 auf Seiten der Briten ausnutzend, erzielten die Deutschen innerhalb weniger Stunden einen umfassenden Durchbruch in der britischen Front. Mehrere Einheiten wie die 16. (irische), die 36. und die 66. Division wurden vernichtet. Die anderen Truppen zogen sich hastig kämpfend zurück. Die deutsche Artillerie verbreitete Chaos und Panik auf den schnell verstopften Straßen. Die unmittelbare Bedrohung der Stadt Amiens zwang die Briten zu einem massiven Einsatz ihrer Reservetruppen, um die Bresche zu schließen.

Panik machte sich nun auch in der politischen und militärischen Führung in England und Frankreich breit. Die Angst vor einem kompletten Zusammenbruch führte in der Not zu einem einheitlichen Kommando – was es seit Kriegsbeginn so noch nicht gegeben hatte. Der Vormarsch der Deutschen ebbte nach einigen Tagen ab, was sowohl an der unzureichenden Logistik als auch am wachsenden Widerstand des Gegners lag, wie dem der Australier in Hébuterne. Nach und nach wandelte sich der anfänglich spektakuläre Erfolg von Ludendorff in eine Niederlage um.

Die zweite Phase der deutschen Offensive, die Operation Georgette – auch Schlacht an der Leie genannt –, startete am 9. April in Französisch-Flandern. Dem Credo „Alles oder nichts“ folgend, setzte General Ludendorff dabei alles auf eine Karte. Der Ablauf ähnelte dem Vorstoß an der Somme: Einem spektakulären Durchbruch an der Leie folgte die schnelle Einnahme von Estaires (9. bis 10. April) und des Höhenrückens von Messines (10. bis 11. April). Danach rückten die Truppen in Richtung Hazebrouck vor (12. bis 15. April), eroberten und zerstörten Bailleul (12. bis 15. April) und führten die erste Schlacht um den Kemmelberg (17. bis 19. April). Weil sie bei dem erneuten Versuch Béthune einzunehmen scheiterten, bombardierten die Deutschen das gesamte Stadtzentrum.
Auch wenn mehrere britische Divisionen versuchten, den Angriff so gut sie konnten aufzuhalten, indem sie notdürftige Barrikaden errichteten oder sich hinter Eisenbahndämmen verschanzten, brachen andere unter der Wucht des Angriffs zusammen; so auch das portugiesische Expeditionskorps bei Neuve-Chapelle. General Ferdinand Foch schickte französische Verstärkungstruppen. Diese erlebten am 25. und 26. April das apokalyptische Bombardement der zweiten Schlacht am Kemmelberg. Trotz ihrer großen Verluste gelang es den Alliierten aber, die Front zu stabilisieren. Am 29. April endete die Kaiserschlacht mit einem Misserfolg für die Deutschen.

Die menschlichen Verluste waren aufgrund des Umfangs und der Dauer der Doppeloffensive auf beiden Seiten beträchtlich. Zwischen dem 21. März und dem 29. April 1918 verloren die Briten 236.000 Männer. Charakteristisch für diese Schlacht war die verhältnismäßig geringe Zahl an Toten, nämlich 20.000, gegenüber 120.000 Vermissten, von denen die meisten gefangen genommen worden waren. Die Franzosen hatten mit 92.000 Toten und vermissten geringere Verluste zu verzeichnen, aber ihr Anteil an den Gefallenen am Kemmelberg war beträchtlich. Die Deutschen verloren im gleichen Zeitraum etwa 348.000 Soldaten.


Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord–Pas-de-Calais