Die siegreiche Offensive der Alliierten (August bis November 1918)

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Nachdem ein allgemeiner Zusammenbruch der alliierten Streitkräfte während der deutschen Frühlingsoffensive 1918 gerade noch verhindert werden konnte, wurden die britischen und französischen Armeen an der Westfront schnell wieder geordnet und verstärkt. Das galt sowohl für die Anzahl der Soldaten – vor allem rückten nun auch amerikanische Soldaten in die Frontstellungen –, als auch für die Bewaffnung.

Zeitgleich zur Abwehr der letzten Angriffe der Deutschen, beschloss der Oberbefehlshaber der Alliierten, Ferdinand Foch, eine Generaloffensive. Anstatt einen einzelnen Frontabschnitt mit massivem Einsatz an Soldaten und Material anzugreifen, setzte er auf eine Serie von Vorstößen, die den Feind ermüden und schließlich den Durchbruch herbeiführen sollte. Die stufenweise ablaufenden Angriffe wurden im östlichen Teil der Front von den Franzosen und den Amerikanern durchgeführt, in der Picardie, im Artois und in Flandern von den Briten.

Die englische Armee, die mittlerweile auch große australische und kanadische Einheiten umfasste, startete ihre erste Offensive am 21. August bei Albert in der Picardie. Vom 26. August bis zum 3. September lösten die Briten entlang der Scarpe die zweite Schlacht von Arras aus und nahmen das komplett zerstörte Monchy-le-Preux wieder ein. Anschließend stießen sie im Abschnitt Drocourt-Quéant auf die Verteidigungsanlagen der Siegfriedstellung. Zwischen dem 31. August und dem 3. September verlagerten sich die Auseinandersetzungen zum Abschnitt von Bapaume, der damit seine dritte große Frontverlagerung innerhalb von 18 Monaten erlebte: den Rückzug der Deutschen im März 1917, den Vormarsch der Deutschen im März 1918 und nun die Wiedereroberung durch die Briten.

Am 12. September 1918 begann der Sturm auf die Siegfriedstellung. Die Angreifer verfügten mittlerweile über eine deutliche Überlegenheit der Artillerie und verstärkten ihre nadelstichartigen Offensiven. So mussten sie nicht alle Kräfte gleichzeitig einsetzen und belasteten doch die Kräfte des Gegners. Dessen Kampfgeist ließ bereits erkennbar nach und die Zahl spontaner, örtlich begrenzter Kapitulationen deutscher Einheiten wuchs. Ein erster Sturmangriff englischer und neuseeländischer Truppen am 12. September bei Havrincourt war von Erfolg gekrönt. Am 27. September kam es zu einem Großangriff von etwa 15 Divisionen am Canal du Nord, bei dem die Kanadier den Wald von Bourlon einnahmen, der im November 1917 Schauplatz erbitterter Gefechte gewesen war.

Während im Süden an der Somme und an der Aisne weitere Angriffe durchgeführt wurden, befreiten die Briten und Kanadier Cambrai innerhalb von zwei Tagen (8. bis 9. Oktober 1918). Die Siegfriedstellung war nun an vielen Frontabschnitten durchbrochen. Die Offensive entwickelte sich zu einer Verfolgungsschlacht gegen eine deutsche Armee, die sich bereits in einem internen Auflösungsprozess befand.

Der britische Vormarsch rollte nun auf breiter Front – von Flandern über das Artois bis in die Picardie. Lille und Douai wurden am 17. Oktober befreit. Während sich viele deutsche Einheiten auf der Flucht befanden, leisteten Stoßtruppen der Nachhut blutigen Widerstand, etwa bei dem Einmarsch der Briten und Kanadier in Valenciennes am 1. und 2. Oktober. Diese Rückzugsgefechte glichen Guerillaeinsätzen. Sie nahmen ein Szenario vorweg, das General Ludendorff für den Fall eines Einmarsches der alliierten Truppen in das Deutsche Reich vorgesehen hatte.

Bei einem dieser Kämpfe kam der Dichter Wilfred Owen, beim Versuch den Sambre-Kanal zu überqueren, ums Leben. Der bedeutendste Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs in der englischen Literatur des Ersten Weltkriegs starb am 4. November 1918 in der Nähe von Ors – nur eine Woche vor dem Waffenstillstand und dem endgültigen Sieg der Alliierten.

Ebenfalls am 4. November kam es in Le Quesnoy zu einer ungewöhnlichen, für die chaotischen Zustände der letzten Kriegstage charakteristischen Episode: Nachdem sich die deutsche Garnison geweigert hatte, zu kapitulieren, kletterten neuseeländische Soldaten kurzerhand und unbemerkt mit Hilfe von Leitern über die Festungsmauern der Stadt und konnten den Ort so befreien.

Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais