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Anne-Sophie Flament
Neuve Chapelle Indian Memorial - Richebourg

Die Schlacht von Neuve-Chapelle (10. bis 13. März 1915)

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Die Schlacht von Neuve-Chapelle war der erste größere Angriff der britischen Armee seit Kriegsbeginn. Das Britische Expeditionskorps hatte sich vom harten Winter erholt und war durch frische Truppen verstärkt worden.

Anfang 1915 war der Oberbefehlshaber der französischen Armee, Joseph Joffre, der Ansicht, dass die zahlenmäßige Verstärkung der Alliierten eine erfolgreiche Offensive an der Westfront ermöglichte. Damit sollten die deutschen Linien durchbrochen und der Druck auf Russland gemindert werden. Joffre war dabei einer Meinung mit seinem britischen Pendant John French, der den demoralisierenden Einfluss des Grabenkrieges auf seine Truppen mit Sorge registrierte. Joffres Plan sah vor, den großen Frontvorsprung der Deutschen durch zeitgleiche Angriffe im Norden, im Artois, sowie im Süden, in der Champagne,  zu reduzieren. Vor allem die Rückeroberung des Eisenbahnnetzes in der Ebene von Douai im Artois sollte die Deutschen treffen.

French nutzte unterdessen eine Truppenablösung in Ypern, um noch vor dem Angriff der Franzosen eine eigenständige Offensive der neu organisierten britischen Streitkräfte auf den deutschen Frontvorsprung bei Notre-Dame-de-Lorette durchzuführen. Das Ziel des britischen Oberkommandierenden war es, das Dorf Neuve-Chapelle und den Höhenrücken von Aubers zu erobern. Dieser erhebt sich zwar nur wenige Meter über das flache Land, stellte aber einen wichtigen Beobachtungspunkt dar. General French hielt es überdies für möglich, die hinter der Front gelegenen Verteidigungsanlagen von Lille anzugreifen.

Am Morgen des 10. März hatte French vier Divisionen, etwa 40.000 Mann, am nur drei Kilometer breiten Frontabschnitt vor Neuve-Chapelle versammelt. Dem Infanterieangriff, der für 7 Uhr 30 geplant war, ging ein mächtiges Trommelfeuer voraus. Dabei kamen 342 Kanonen zum Einsatz, die zum größten Teil von Aufklärungsflugzeugen des Royal Flying Corps gesteuert wurden. Während des Bombardements feuerte die britische Armee in 35 Minuten mehr Granaten ab, als sie im Rahmen des gesamten Burenkriegs 15 Jahre zuvor eingesetzt hatte – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welchen Paradigmenwechsel in der Kriegsführung der Erste Weltkrieg mit sich brachte. Es folgte ein dreißigminütiges Sperrfeuer auf die zweiten Linien. Gemessen an der Länge der betroffenen Front handelte es sich um das heftigste Bombardement vor den großen Offensiven von 1917.

Die britischen und die indischen Korps konnten an einem schwach verteidigten Abschnitt schnell bis Neuve-Chapelle vordringen. Eine Brigade der Gharwal Rifles erlitt jedoch schwere Verluste, als sie einen Teil der deutschen Linien attackierte, der von den Bombardements verschont geblieben war. Nach dem anfänglichen Erfolg, kam der britische Vorstoß wegen Kommunikationsproblemen und Munitionsmangel jedoch schnell zum Erliegen.
Der deutsche Oberkommandierende des Frontabschnitts, Prinz Rupprecht von Bayern, orderte Verstärkung aus Lille an und trat am 12. März zum Gegenangriff an. Die nach wie vor intakten Stacheldrahtlinien stoppten die Briten bei ihrem Versuch, den Höhenkamm von Aubers einzunehmen, und es kam zu enormen Verlusten. Die Kämpfe endeten am 13. März. Der Geländegewinn auf britischer Seite war bescheiden: zwei Kilometer Tiefe und drei Kilometer Breite. Dafür waren die Verluste umso beträchtlicher: 7.000 Briten und 4.200 Inder waren getötet oder verletzt worden. Die Deutschen erlitten vergleichbare Verluste. Zudem gerieten 1.700 ihrer Soldaten in Gefangenschaft. Die Alliierten hatten zwar einen Durchbruch erreicht, konnten ihn aber nicht nutzen – ein Vorgang, der sich bis zum Frühling 1918 an der gesamten Front mehrere Male wiederholen sollte.

General French schob die Niederlage auf die mangelnde Ausrüstung an Artilleriegeschossen. Ab diesem Zeitpunkt sollten sich die Bombardements zur Vorbereitung eines Angriffs über mehrere Tage hinziehen – mit einem negativen Nebeneffekt: Die Offensiven verloren ihren Überraschungseffekt und wurden berechenbar. So konnten die Deutschen bereits während des Bombardements Reservetruppen an die betroffenen Frontabschnitte verlegen, bevor die eigentliche Schlacht begann.

Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais