Die Schlacht von Cambrai (20. November bis 14. Dezember 1917)

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Die Schlacht von Cambrai gehörte zu einer ganzen Serie von verlustreichen und überflüssigen Offensiven der Alliierten gegen die Siegfriedstellung an der Westfront. Bemerkenswert ist sie jedoch wegen einer Reihe wichtiger taktischer Innovationen, die beide Kriegsgegner entwickelt hatten, um die strategische Sackgasse zu überwinden, in der die Westfront seit Herbst 1914 steckte. Sie kündigten die ab 1918 schließlich umgesetzte, neue Kriegsführung bereits an.

Der Einsatz von britischen Panzern erwies sich hierbei erstmals als entscheidender Bestandteil der Schlacht. Als kurz- und mittelfristig noch bedeutender sollten sich jedoch die verschiedenen deutschen Methoden des Gegenangriffs herausstellen.

Der erste Einsatz von Panzern durch die Briten 1916 während der Schlacht an der Somme hatte sich als wenig effektiv herausgestellt und Zweifel an den schwerfälligen Kriegsmaschinen hervorgerufen. Sie waren langsam, ihre Motoren unzuverlässig und stellten leichte Ziele für die feindliche Artillerie dar. Die Niederlagen am Chemin des Dames, bei Arras sowie bei Passchendaele bestätigten diesen Eindruck nur noch mehr. Auch das deutsche Oberkommando äußerte sich abschätzig über die neue Waffe und maß ihr keine zukünftige militärische Bedeutung zu.
Auf britischer Seite waren es die Offiziere des Tank Corps, die indessen immer wieder für den Einsatz der Kolosse warben, weil sie von ihren Vorteilen auf dem Schlachtfeld überzeugt waren. Oberstleutnant John Fuller war der entschiedenste Befürworter eines massiven Panzereinsatzes auf trockenem Terrain – und nicht wie zuvor in den sumpfigen Gebieten Flanderns. General Douglas Haig verwarf den Gedanken zuerst, bis er sich der ausweglosen Lage während der dritten Flandernschlacht bewusst wurde. Ab diesem Zeitpunkt setzte er auf eine Offensive unter Einbezug der neuen Waffe, um endlich den von der öffentlichen Meinung in der Heimat geforderten entscheidenden Durchbruch zu erreichen.

Als Ziel der Offensive wählte das britische Oberkommando Cambrai. Die Stadt war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und beherbergte eine der größten deutschen Garnisonen der Deutschen an der Westfront. Sie war von weitläufigen flachen und kreidehaltigen Flächen umgeben, die sich gut für einen Panzereinsatz eigneten. Allerdings war die Stadt durch die mächtigen Verteidigungsanlagen der Siegfriedstellung geschützt, die sich einige Kilometer westlich von Cambrai befanden. Die britischen Nachrichtendienste erfuhren jedoch, dass die dortigen deutschen Truppen durch die Flandernschlacht stark dezimiert worden waren.

Der Einsatzplan der Briten war von General Julian Byng, Kommandant der 3. Armee, ausgearbeitet worden und äußerst gut durchdacht: Er zielte darauf ab, die Siegfriedstellung frontal zu durchstoßen und sie dann mit Unterstützung von drei Kavallerie-Divisionen zu zerstören. Im Anschluss sollte Cambrai eingekreist und eingenommen werden. Um den Moment der Überraschung zu wahren, sollte kein vorbereitendes Bombardement stattfinden. Stattdessen sollte ein großes Aufgebot von Panzern der Infanterie den Weg durch die deutschen Verteidigungslinien bahnen. Die Luftwaffe sollte ihrerseits hinter den deutschen Linien angreifen, um eintreffende Verstärkungen aufzuhalten.

Der Angriff begann am 20. November um 6 Uhr 20 auf einer zehn Kilometer breiten Front. Das Tank Corps setzte 476 Panzer ein. Sechs Infanteriedivisionen standen zum Sturm bereit. Das begleitende Artilleriesperrfeuer war genau geplant und überraschte die Deutschen. An einigen Stellen der Front setzten die Briten Mörser mit Kampfgasgranaten ein.

Die Panzer bewegten sich sehr schnell vorwärts und erreichten die gegnerischen Gräben. Zum ersten Mal seit ihrer Errichtung wurde die Siegfriedstellung tief greifend durchstoßen. Der Überraschungsmoment und die Angst vor den Panzern veranlassten mehrere deutsche Einheiten zum Rückzug. Im Lauf des ersten Tages der Offensive machten die Briten fast 8.000 Gefangene. Seit 1914 hatte es bei keinem Angriff einen so schnellen Vormarsch gegeben. Bis zum Abend des 20. November konnte die britische Vorhut neun Kilometer tief in das deutsche Frontgebiet vordringen.

Abermals erweis sich jedoch die konsequente Ausnutzung des Durchbruchs als problematisch. Ausgerechnet ein Panzer gefährdete die Operation der Kavallerie, als er durch sein Gewicht den Einsturz eines Hügels verursachte. Noch schlimmer wog der schleppende Nachschub an Verstärkung aufgrund der verstopften Straßen. Für die letzten fünf Kilometer bis zur Front benötigten die Truppen 15 Stunden.

Die Wirkung des ersten Ansturms verflachte mit dem Abflauen des Überraschungseffekts. Von den bewaldeten Höhen bei Bourlon bedrohten die Deutschen nun die vorgerückten Truppen der Alliierten. Am 23. November griffen die Briten ihre Stellungen an, just in dem Moment, als in Großbritannien die Glocken geläutet wurden als Zeichen eines sicher geglaubten Sieges. Einigen Panzern und einer französischen Brigade gelang es, in einem Teil des Waldes Fuß zu fassen – allerdings blieben sie isoliert von ihren Armeen.

Nachdem Ludendorff zunächst einen größeren Rückzug ins Auge gefasst hatte, entschied er sich nun zum Gegenangriff. Der General ordnete etwa 20 Divisionen neu und gab am Morgen des 30. November den Befehl zum Angriff. Der Erfolg war unmittelbar und verheerend. Unterstützt durch ein Sperrfeuer aus Gasgranaten drangen die Deutschen in zwei Stunden mehr als fünf Kilometer vor. Mehrere isolierte britische Divisionen drohten eingekesselt zu werden. Die deutschen Angreifer bedienten sich neuer Kampfmethoden, die auf kleinen, gut ausgebildeten und ausgerüsteten Kampftrupps basierten, die in die gegnerischen Linien einbrachen. Die neue Taktik war von General Oskar von Hutier entwickelt und an der italienischen Front bereits mit großem Erfolg getestet worden.

Als die Kämpfe am 4. Dezember abflauten, zeichnete sich statt des zunächst unverhofften Erfolges für die Briten eine komplette Niederlage für die Alliierten ab. Das gewonnene Gebiet musste wieder aufgegeben werden. Die menschlichen Verluste waren auf beiden Seiten ebenso zwar ausgeglichen, aber sehr hoch: 44.000 Tote, Verletzte oder Vermisste, davon 6.000 Gefangene, auf britischer, 45.000 Mann, darunter 10.000 Gefangene, auf deutscher Seite.

Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais