Die Schlacht von Aubers (9. Mai 1915)

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Am 24. März 1915, nur wenige Tage nach der Niederlage von Neuve-Chapelle, erbat General Joseph Joffre bei General John French offiziell die Beteiligung Großbritanniens an der großen, für Anfang Mai geplanten Offensive im Artois. Er erhielt umgehend dessen Einverständnis.

Ziel der Offensive war der Durchbruch der deutschen Front nördlich von Arras. Den massivsten Vorstoß sollte die 10. französische Armee auf  den Höhenrücken von Vimy vornehmen. Zwei weitere Angriffe an den Flanken sollten zur Einnahme des Höhenzuges von Notre-Dame-de-Lorette im Nordwesten sowie der höher gelegenen Flächen im Osten von Arras führen. Anschließend sollte das Kohlebecken befreit werden.

Der Angriff der Briten war für den Folgetag geplant. Er sollte im flämischen Flachland um Neuve-Chapelle stattfinden, das bereits im März Schauplatz heftiger Kämpfe gewesen war. Ziel war die Eroberung des Höhenrückens von Aubers, der trotz seiner geringen Höhe für die Deutschen ein wichtiger Beobachtungsposten war. Von dort aus konnten sie die gesamten alliierten Linien überblicken. Der Angriff sollte in einer Zangenbewegung nördlich und südlich von Neuve-Chapelle durch britische und indische Einheiten erfolgen.

Zum ersten Mal ging der französischen Offensive ein vorbereitendes Bombardement von mehreren Tagen voraus: Der Überraschungseffekt wurde so zugunsten des Masseneffekts der großkalibrigen Granaten aufgegeben. Die Briten blieben hingegen bei einer kurzen etwa 40-minütigen, aber intensiven Vorbereitung durch die Artillerie. Diese sollte die Stacheldrahtgürtel zerstören, die erste deutsche Linie vernichten und die befestigten Stellungen auf der zweiten Linie treffen. Flugzeuge sollten das Feuer steuern und das Hinterland bombardieren, vor allem die Eisenbahnknotenpunkte. Zwei Tunnel von etwa hundert Metern Länge waren unter dem Niemandsland gegraben worden, um unter der ersten deutschen Linie etwa eine Tonne Minen zu verlegen.

Auf der Gegenseite zeigten die Deutschen, dass sie aus dem März-Angriff ihre Lehren gezogen hatten. Mit großem Aufwand verstärkten sie ihre Verteidigungsanlagen: Die Stacheldrahtfelder wurden erweitert – einige Drahtverhaue wurden vor den ersten Linien in Gräben vertieft – und alle 20 Meter ein Unterstand gebaut. Die Deutschen platzierten ihre Maschinengewehre auf Bodenniveau, schützten sie durch Stahlplatten und richteten sie so aus, dass sie das gesamte Niemandsland bestreichen konnten. Die Gräben wurden vertieft und die Brustwehr aus Sandsäcken erhöht.

Das Trommelfeuer der Franzosen begann am 3. Mai. Die klimatischen Bedingungen zwangen den Generalstab jedoch dazu, den eigentlichen Angriff um zwei Tage auf den 9. Mai zu verschieben.

Am gleichen Tag starteten auch die Briten um 5 Uhr morgens ihr vorbereitendes Bombardement. Die Feldartillerie versuchte, den Stacheldraht mit Schrapnellen zu zerstören, während die Haubitzen die Gräben mit großkalibrigen Granaten unter Beschuss nahmen. Eine halbe Stunde später verließ die Infanterie ihre Linien. Sie musste einen nur relativ schmalen Abschnitt von etwa 100 Metern überwinden, war dort aber einem heftigen Maschinengewehrfeuer ausgesetzt. In einigen Sektoren wurden die indischen und schottischen Soldaten von Kugeln erfasst, sobald sie auch nur zum Sprung über die Brustwehren ihrer Gräben ansetzten. Schnell füllte sich die erste englische Linie mit Toten und Verletzten. Die Soldaten, die in das Niemandsland vorrückten, wurden im Lauf getroffen – oder bei dem Versuch, die Stacheldrähte zu überwinden. Im südlichen Angriffssektor drangen einige Kämpfer bis zur ersten deutschen Linie vor, wo sie schnell getötet oder gefangen genommen wurden. Um 6 Uhr kam der Befehl, den Angriff einzustellen. Hunderte Soldaten saßen im Niemandsland in der Falle, als die deutsche Artillerie zurück schlug und die gesamte Kampfzone bis einschließlich der ersten britischen Linien unter Sperrfeuer nahm.

Im Norden erfolgte der Angriff nach dem gleichen Schema. Hier konnten die Alliierten allerdings drei einzelne, wenn auch kleine Abschnitte der deutschen Linie einnehmen. Nach der Explosion der Minen um 5 Uhr 40 drangen die Briten durch die entstandenen Breschen bis zum stark befestigten Hof Delangre vor und konnten diesen einnehmen. Das Sperrfeuer der deutschen Artillerie und das große Durcheinander auf dem Schlachtfeld verhinderten jedoch ein signifikantes Vorankommen der Alliierten. Trotz des Befehls von General Douglas Haig, den Angriff wieder aufzunehmen, gaben ihm die Offiziere auf dem Gelände zu verstehen, dass dies unmöglich sei.

Haig war über den anfänglichen Erfolg der Franzosen in Vimy informiert. Auf der Grundlage von Berichten, die die Verluste der Briten unterschätzten, ordnete er an, den Angriff südlich von Neuve-Chapelle wieder aufzunehmen. Aufgrund des allgemeinen Chaos und des feindlichen Feuers kam es allerdings erst um 15:20 Uhr zum erneuten Bombardement. Die Elitesoldaten der Black Watch, dem schottischen Garderegiment Royal Highland, stürmten um 15 Uhr 57 zum Angriff. Einige von ihnen erreichten die erste deutsche Linie, wo sie getötet oder gefangen genommen wurden. Eine weitere Handvoll erreichte die zweite Linie, erlitt dort aber das gleiche Schicksal.

Am Abend des 9. Mai war die Lage festgefahren: Die Truppenteile, die es bis zur ersten deutschen Linie geschafft hatten, waren von ihren Kameraden abgeschnitten und der feindlichen Artillerie ausgesetzt. Die Lage auf den Zufahrtswegen und in den Laufgräben war so chaotisch, dass die Möglichkeit eines erneuten Angriffs verworfen wurde. Im Schutz der Dunkelheit wagten die etwa 200 bis 300 in den deutschen Linien festsitzenden Soldaten daraufhin den gefährlichen Rückzug über das Niemandsland.

Am Morgen des 10. ließ Haig jeden Gedanken an eine Wiederaufnahme der Offensive fallen. Zum einen fehlten ihm ausreichende Mengen an Artilleriegeschossen, zum anderen waren die Verluste des Vortages einfach zu groß. Innerhalb eines einzigen Kampftags erlitten die Briten eine der schrecklichsten Niederlagen des gesamten Krieges. Die Alliierten benötigten alleine drei Tage, um die Verletzten in die Lazarette der zweiten Linie zu transportieren. Insgesamt verloren sie 11.000 Soldaten, die entweder gefallen, verletzt oder verschollen waren.

Für die britische Armee war die Schlacht von Neuve-Chapelle ein absolutes Desaster. General Haig zog daraus eine wichtige Lehre: In Zukunft sollte jeder neue Angriff mit lange anhaltenden und systematische Bombardements aus großkalibrigen Kanonen vorbereitet werden. Die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs wurde komplett verworfen. Alle Offensiven, die bis Ende 1917 stattfanden, folgten fortan diesem Schema, zeigten jedoch nicht den geringsten Erfolg.

Yves le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais