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Philippe Frutier
Lieu Historique National du Canada de la Cr

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- 1917

Das Scheitern der französischen Offensive auf dem Chemin des Dames

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Nach drei Jahren des ausweglosen Kampfes versprach der Oberbefehlshaber der französischen Armee, Robert Nivelle, den führenden Politikern seines Landes einen kriegsentscheidenden Sieg an der Westfront noch vor Ende des Frühjahrs 1917. Er wollte die Front „mit einem einzigen Schlag innerhalb von 24 oder 48 Stunden“ durchbrechen. Nivelle hatte im Dezember 1916 General Joseph Joffre abgelöst, dem die Niederlagen im Artois (1915), in der Champagne (1915) und an der Somme (1916) stark zugesetzt hatten. Der Abschnitt, der für den großen Schlag gewählt wurde, war der Chemin des Dames im Departement Aisne.

Vom 15. bis 19. März 1917 führte das deutsche Oberkommando die von General Erich Ludendorff geplante Operation Alberich durch. Dabei handelte es sich um einen strategischen Rückzug – an einigen Stellen um bis zu 70 Kilometer – von der Frontlinie zwischen Arras und Soissons auf die Siegfriedstellung. Ludendorff, ein Liebhaber der germanischen Mythologie, hatte für seinen Plan den Namen des unsichtbaren Zwergs Alberich aus dem Nibelungenlied gewählt. Ihre neue, befestigte Verteidigungslinie nannten die Deutschen ebenfalls nach einem Helden aus der Nibelungensage, der sich mit Hilfe einer Tarnkappe unsichtbar machen konnte: dem Drachentöter Siegfried. Die Alliierten benannten die Siegfriedstellung nach ihrem Schöpfer hingegen schlicht Hindenburglinie.

Die minutiös vorbereitete und perfekt ausgeführte Operation Alberich hatte das Ziel, die Front zu verkürzen und hinter den als uneinnehmbar geltenden Stellungen massive Verteidigungsanlagen zu errichten. Diese bestanden aus mehreren Gräben, riesigen Stacheldrahtfeldern, zahlreichen Betonunterständen und MG-Nestern. Dem Rückzug der Truppen gingen am 21. Februar 1917 eine militärische Maßnahmen nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ voraus: Nachdem die französische Zivilbevölkerung ins Hinterland vertrieben worden war, wurden die Dörfer systematisch vermint und mit Sprengfallen versehen, die Kommunikationswege zerstört und alle Bäume gefällt. Ludendorff wollte den Alliierten so jegliche Möglichkeiten zum Schutz sowie zur Einrichtung von Quartieren und Unterstände nehmen.

Der französische Generalstab war sich der tödlichen Falle nicht bewusst, die dieser Rückzug für seine Soldaten bedeutete. Die Operation wurde zunächst als Zeichen der Schwäche des Feindes interpretiert. Die Alliierten waren nun damit beschäftig, ihre Offensivkräfte neu zu organisieren, während ihre Feindaufklärung die Stärke der deutschen Verteidigungseinrichtung unterschätzte. Die Deutschen hingegen konnten in den ersten Apriltagen den genauen Ort der geplanten französischen Operation in Erfahrung bringen, die so jeden Überraschungseffekt verlor.

Zwischen dem 6. und dem 16. April feuerte die französische Artillerie fünf Millionen Granaten, davon 1,5 Millionen großkalibrige Geschosse, auf die deutschen Stellungen ab. Im Vorfeld des Hauptangriffs fanden zwei aufeinander folgende Ablenkungsangriffe der Alliierten statt: am 9. April auf dem Abschnitt Arras-Vimy durch die Briten und Kanadier, am 13. April bei Saint-Quentin durch die Franzosen. Die französische Armee plante für die Schlacht den Einsatz von mehr als einer Millionen Männern, unter ihnen auch 10.000 senegalesische Infanteristen und 20.000 Russen.

Der Infanterieangriff begann am 16. und 17. April bei eisigem Wetter auf einer Frontbreite von mehr als 40 Kilometern Länge. Er endete mit einer blutigen Niederlage, sowohl auf dem Chemin des Dames als auch auf den benachbarten Ebenen der Champagne. Die französische Infanterie wurde von den deutschen Maschinengewehren schlicht niedergemäht. Trotz einer Wiederaufnahme der Offensive am 5. Mai galt Offensive bereits am 8. Mai als völlig gescheitert. Am 15. Mai wurde Nivelle an der Spitze der französischen Armee schließlich von Philippe Pétain abgelöst.

Am 20. Mai kam es bei den Regimenten, die auf dem Chemin des Dames gekämpft hatten, zu den ersten Meutereien, die rund 150 Einheiten erfassten. Die Soldaten weigerten sich, zurück an die Front zu ziehen. Grund für die Meutereien war nicht nur die Enttäuschung über das Scheitern der bedeutenden Offensive, sondern auch die hohen Verluste. Die Männer wollten sich nicht länger an sinnlosen Angriffen beteiligen. Die Niederschlagung der Revolte erfolgte postwendend und unnachgiebig, blieb in der Konsequenz aber ausgewogen: Zwar wurden 450 Soldaten zum Tode verurteilt, davon aber nur 27 tatsächlich hingerichtet. Der französische Präsident Raymond Poincaré machte dabei von seinem Recht der Begnadigung Gebrauch. Den Soldaten wurde außerdem mehr Urlaub und verbesserte Lebensbedingungen zugesagt. Das hob die Moral in den Truppenteilen und die französische Armee kämpfte fortan unerbittlich und bis zum Ende.

Am 23. Oktober gelang es den Franzosen nach einem begrenzten, aber sehr gut vorbereiteten Angriff das Fort La Malmaison einzunehmen, das westlich des Chemins des Dames lag. Dies war ein wichtiger taktischer Erfolg und bestätigte die neue von Pétain befürwortete Kriegsführung, zudem die Verluste weit unter denen der Deutschen lagen. Zwischen dem 31. Oktober und dem 1. November 1917 verließen die Deutschen ihre Stellungen auf dem Chemins des Dames, um sich hinter eine neue Verteidigungslinie nördlich des Flusses Ailette zurückzuziehen.

Die Niederlage am Chemin des Dames setzte dem Credo vom „großen Schlag“ ein Ende. Insgesamt hatten die Franzosen 17.000 Tote, 20.000 Vermisste und 65.000 Verletzte zu beklagen. Auf deutscher Seite wurden die Verluste auf insgesamt 35.000 Soldaten geschätzt. Die alliierten Generalstäbe erarbeiteten in der Folge eine neue Kriegsführung. Sie entschieden sich für begrenzte Angriffe und eine stärkere Aufrüstung. So sollten die menschlichen Verluste möglichst eingeschränkt werden. Darüber hinaus sollten alle Stellungen bis zum Eintreffen der Unterstützung durch die Amerikaner erst mal gehalten werden. Die von Pétain verfolgte Strategie zielte darauf ab, den Krieg durch Aufrüstung weiter zu „industrialisieren“. Um die Zahl der Toten durch feindlichen Artilleriebeschuss einzudämmen, wurde außerdem eine von Grund auf neue Organisation des Verteidigungssystems beschlossen. Die Zahl der Truppen in der ersten Linie sollte reduziert und die Rückzugsmöglichkeiten auf gesicherte Linien verbessert werden.

Yves Le Maner
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais