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Korrespondierende Erinnerungsorte

Eric Lebrun
H

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- 1917 - Arras

Die Bemühungen zur Erhaltung des architektonischen, kulturellen und künstlerischen Erbes der Region während des Krieges

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Das kulturelle Erbe der Region hatte zwischen 1914 und 1918 stark unter dem Krieg zu leiden. Bereits in den ersten Monaten der Kämpfe zerstörten die massiven Artilleriebombardements viele Ortschaften in Frontnähe. Im Pas-de-Calais nahm die Stadt Arras eine Art Märtyrerstellung ein, genau wie Ypern, Reims und Amiens. Hier wurde der größte Teil des architektonischen Erbes zerstört, unter anderem die historischen Plätze und die Kathedrale. Die Bombardements der Stadt führten auch dazu, dass das Departement einen Teil seines historischen Gedächtnisses unwiderruflich verlor: Das Archiv ging bei einem Großbrand im Juli 1915 in Flammen auf und mit ihm unzählige mittelalterliche Manuskripte und Urkunden. Auch kleinere Gemeinden waren betroffen. Vor allem viele Kirchen wurden zerstört, und mit ihnen Gemälde, Statuen, kunstvolle Fenster und anderes Inventar. In den Landkreisen Vimy, Vitry-en-Artois und Croisilles wurde ein Sechstel der Kirchen dem Erdboden gleich gemacht.

In Anbetracht der Verwüstungen und unter dem Druck engagierter Bürger beschäftigte sich die französische Regierung ab 1916 mit der Frage, wie man das noch nicht zerstörte kulturelle Erbe im Frontgebiet besser schützen könne. Im Mai 1917 rief der Kriegsminister schließlich eine „Organisation für Denkmalschutz, Pflege und Evakuierung von Kunstgegenständen“ ins Leben. In den Departements Pas-de-Calais und Somme wurde die an die britische Armee angeschlossene Französische Militärmission (MMF) mit der Erfüllung dieser Aufgabe betraut. Ein Team von Spezialkräften, der Service de protection des oeuvres d’art (Dienst für den Schutz von Kunstwerken), sammelte Erhaltenswertes ein und brachte es in Sicherheit.

In Arras wurden die Objekte beispielsweise in den Kellern des ehemaligen Palais St.-Vaast untergebracht. Das Gebäude beherbergte bereits vor dem Krieg ein Museum, lag allerdings relativ nah an den deutschen Schützengräben. „Die Keller [des Palais St.-Vaast]“, erinnert sich ein französischer Soldat, „waren gegen die täglichen Bombardements durch eine dicke Mauer aus Erde und Steinen geschützt, die ihr den Anschein einer Festung verliehen. Sie nahmen nach und nach die geretteten Kunstwerke auf, die man in der Stadt und ihren Vororten zusammengetragen hatte. Statuen, Gemälde,  Goldschmiedearbeiten, seltene Nippesfiguren und empfindliches Porzellan, einfache Steinscherben und Teile zerbrochener Holzskulpturen, die außer ihrer bedauerlichen Situation keine Gemeinsamkeiten hatten, wurden hier untergestellt und bildeten bald einen wahren Schatz.

Ihre Aufgaben führten die Mitglieder des Service du Protection des Oeuvres d’Art häufig in frontnahe Gebiete. Allerdings bedingten die verstärkten feindlichen Luftangriffe auf die Basen der Alliierten im Hinterland in den Jahren 1917 und 1918 die Ausweitung des Einsatzradius des Service. So geschah es nicht selten, dass ihre Einsätze in Regionen stattfanden, die weit von den Kampfzonen entfernt lagen. Im Laufe der Monate entwickelten die Teammitglieder eine Reihe von Rettungstechniken, um bedrohte Objekte zu evakuieren.

Je nach Standort und  Beschaffenheit des zu schützende Kunstwerks (das vom simplen Gegenstand bis zur Fassade einer gotischen Kirche reichen konnte), wurden zwei verschiedene Bergungsarten gewählt: Wenn die Möglichkeit bestand, transportierte man die Kunstgegenstände an einen sicheren Ort. Andernfalls versuchten die Mitarbeiter des Service sie vor Ort zu sichern und zu schützen. Die Evakuierung in gesicherte Lagerräume war natürlich nur bei kleinen, tragbaren Objekte wie Statuen, Gemälden oder Goldschmiedearbeiten möglich. Sie folgte einem festgelegten Ablauf: „Das Team arbeitete häufig mit den gleichen Mitteln und unter den gleichen Bedingungen wie die Sanitätstruppe. Das gefundene Kunstwerk oder dessen Scherben wurden zunächst eingesammelt und mit größtmöglicher Sorgfalt zum nächstgelegenen Depot transportiert. Dort bekam es – genau wie in einem Krankenwagen – eine Art „Erste Hilfe“ und wurde anschließend in ein Depot im Hinterland gebracht.

Anschließend wurde jedes Objekt sorgfältig fotografiert, registriert und anschließend gelagert. Schützenswerte Gebäude wurden so weit wie möglich verschalt, indem man ein Holzgerüst anfertigte und anschließend mit Sandsäcken bestückte. An der Kathedrale von Saint Omer schützten solche Verschalungen vor allem die aus dem 13. Jahrhundert stammenden Grabmale der Bischöfe von Arras und Thérouanne sowie zahlreiche Votivskulpturen aus dem 14. und 17. Jahrhundert.


Yann HODICQ,
Mitglied der Kommission für Geschichte und Archäologie
des Departements Pas-de-Calais