Die Abholzung der nordfranzösischen Wälder durch die britische Armee

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Schon sehr bald führte der Stellungskrieg zu einem enormen Bedarf an Holz: Pflöcke, Latten, Bretter und Balken wurden beim Bau von Befestigungen und Unterständen sowie zur Abstützung von Tunneln dringend benötigt. Auf britischer Seite wurde der Holzverbrauch bald so groß, dass die Importe aus Skandinavien, zu Kriegsbeginn Hauptquelle der Holzversorgung, die Kriegsmaschinerie nicht mehr ausreichend versorgen konnten. Darüber hinaus störte der U-Bootkrieg, der ab 1915 in der Nordsee geführt wurde, die Seeimporte beträchtlich. Die großen Wälder Nordfrankreichs gerieten bald als nahe liegende Alternative ins Visier der Armee. Britische Pioniere konnten das Holz dort selber schlagen und ohne Umwege an die Front schaffen. Die Wälder von Nieppe und Claimarais in den Departements Nord und Pas-de-Calais waren die ersten, die ab 1915 abgeholzt wurden.

Ursprünglich schenkte Frankreich der Situation nur begrenzte Aufmerksamkeit, vermutlich weil es den Holzbedarf des Alliierten unterschätzte. Dennoch sah sich das französische Militärkommando ab dem ersten Halbjahr 1915 dazu gezwungen, einen eigenen Forstdienst zu gründen. Dieser war Teil der Französischen Militärmission (MMF), die wiederum der britischen Armee zugeordnet war. Einer ungezügelten Abholzung der Wälder sollte so vorgebeugt werden. Angesichts des Ausmaßes des Holzbedarfs und auf Druck der französischen Behörden richtete auch die britische Armee eine Forstbehörde, das forestry directorate, ein. Dieses war direkt an das britische Hauptquartier angebunden. Französische Offiziere erhielten dort die Forstaufsicht: Nur sie waren berechtigt, die Abholzungen durch britische Soldaten zu autorisieren oder Vereinbarungen mit privaten Waldeigentümern zu treffen. Denn die britische Armee nutzte nicht nur die staatlichen Wälder, sondern auch diejenigen in Privatbesitz, mit deren Eigentümern sie gesonderte Verträge schloss.

Die von den Briten im Laufe des Krieges abgeholzten staatlichen Forste entsprachen insgesamt einem Gebiet von 44.500 Hektar und umfassten ein Dutzend Wälder, die allesamt in fünf Departements nördlich der Seine lagen. Zu den betroffen Wäldern zählten unter anderem die von Nieppe (Departement Nord), Clairmarais und Tournehem (Departement Pas-de-Calais), Crécy und Creuse (Departement Somme), Eu, Brotonne, Rouvray und La Londe (Departement Seine-Maritime) und schließlich der Wald von Lyons-la-Forêt (Departement Eure).

Die Beziehungen zwischen den beiden alliierten Mächten waren aufgrund der Abholzungen angespannt. Die Franzosen blieben häufig machtlos. „Die Waldnutzung [durch die Briten] wird nicht immer mit der Sorgfalt durchgeführt, die wünschenswert wäre (...)”, notierte ein Beobachter 1918. “Die Arbeiten beginnen, bevor der Forstdienst oder der Besitzer eine Schutzgebietsmarkierung vornehmen konnte (…). Die Aufstellung der Anzahl der verwerteten Bäume, die als Basis für die Bezahlung an die Besitzer diente, wurde manchmal absichtlich niedriger gemacht (…). Die angebotenen Preise waren in einigen Fällen niedriger als üblich.

Zwischen Dezember 1915 und März 1918 nahm die abgetragene Holzmenge konstant zu. Im März 1918 wurde ein Produktionsrekord von 119.000 Tonnen Holz aufgestellt – die beinahe 7,5-fache Menge der Holzproduktion, die im März 1916 registriert worden war. Eine britische Quelle gibt allein für die Zeit zwischen November 1917 und November 1918 an, dass die britische Armee mit zwei Millionen Tonnen Bauholz aus französischen Wäldern beliefert wurde; für den Zeitraum Februar bis Mai 1918 wurden außerdem 90.000 Tonnen Pfähle verzeichnet.

Ein weiterer Indikator für den Anstieg der britischen Holzgewinnung war die Zahl der Arbeiter, die in den französischen Wäldern die Abholzungen vornahmen. Zwischen 1915 und 1918 hatte sich ihre Zahl um das 25-fache gesteigert. Das britische Forstpersonal war sehr heterogen zusammengesetzt: Den größten Anteil stellten mit 57,5 Prozent die Kriegsgefangenen. Dann folgten britische Soldaten und chinesische Arbeiter (jeweils 18 Prozent), kanadische Holzfäller (fünf Prozent) und schließlich einige französische Zivilisten, die mit etwas über einem Prozent allerdings nur eine kleine Minderheit darstellten.

Zweifellos war die Ausnutzung der regionalen Waldressourcen, die sich schnell auf den Nordwesten des Landes ausweitete, für die britische Armee sehr nützlich. Sie ist Beispiel für die zumeist gute militärische und wirtschaftliche Kooperation zwischen den beiden alliierten Nationen. Insgesamt lieferten die staatlichen Wälder im Norden Frankreichs der britischen Armee mehr als 300.000 Kubikmeter Bauholz und fast eine Million Kubikmeter Gruben- und Brennholz. Die französischen Wälder waren neben den Abholzungen aber auch den Bombardements der Schlachtfelder ausgesetzt – damit zahlten auch sie im Ersten Weltkrieg einen hohen Preis.


Yann HODICQ
Mitglied der Kommission für Geschichte und Archäologie
des Departements Pas-de-Calais