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Die Geschichte der Militärgräber von der Antike bis ins 19. Jahrhundert

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Seit der Antike haben die europäischen Kulturen der Beisetzung verstorbener Soldaten besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zum Beispiel im Jahr 338 v. Chr.: Damals begruben sowohl die Makedonier als auch ihre Gegner, die Athener und deren Alliierte, nach der Schlacht von Chaironeia ihre Toten nach bestimmten religiösen Riten. Diese sollten den Zorn der Götter besänftigen. Die Thebaner schmückten ihren Grabhügel damals beispielsweise mit dem Denkmal eines Steinlöwens. Im Jahr 1880 wurde die Stätte wiederentdeckt und 226 Skelette exhumiert.

In Athen nordwestlich der Akropolis gab es in der Antike einen Friedhof ausschließlich für Bürger, die ihr Leben für das Vaterland gelassen hatten. Griechen, Römer und andere antike Kulturen errichteten Kenotaphe – leere Gruften, die  an die Männer erinnern sollten, die nicht in der Heimat, sondern auf fremden Boden verstorben waren. Die römischen Legionen begruben ihre Toten mir großer Sorgfalt, entweder einzeln und mit Grabsteinen in der Nähe der Lager oder – nach großen Schlachten – in Massengräbern. Dazu kam es auch im Jahr 15 n.Chr., als der römische Feldherr Nero Claudius Germanicus die Skelette von Legionären beisetzen ließ, die bereits sechs Jahre zuvor in der Varusschlacht getötet worden waren. Der militärische Totenkult war damals eng mit dem Glauben an ein Jenseits verbunden.

In späteren Zeiten wurde den getöteten Soldaten oft weniger Respekt gezollt – so plünderten Söldner während des Dreißigjährigen Krieges Leichen und nicht selten wurden Verwundete auf dem Schlachtfeld getötet. Ihre Überreste überließ man den Raben. Im 18. Jahrhundert gab es dann einen gewissen Fortschritt in der Beisetzung von Gefallenen: Die großen königlichen Armeen begannen, Regeln festzulegen und ließen sich dabei zumeist von den Sitten der Antike inspirieren. In den bedeutenden Schlachten der napoleonischen Kriegen wurde erstmals eine große Anzahl von Streitkräften mobilisiert – und es kam zum ersten Massensterben. In dieser Zeit kamen auch Bedenken zur Hygiene auf und so wurde das Anlegen von Massengräbern zur vorherrschenden Praxis. Hier warf man einfach sowohl die eigenen Toten als auch die der Feinde hinein. Mehrere dieser Gräber wurden bislang wiederentdeckt; zum Beispiel im Jahr 2001 in Vilnius, Litauen, wo mehrere Hundert Leichen der napoleonischen Armee im Erdreich lagen.
 
Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Militärfriedhöfe in der Form, wie wir sie heute kennen. Ihre Entwicklung hing mit der Ausweitung der Massenkriege, den vielen Toten und der Einführung der Wehrpflicht während der Französischen Revolution zusammen. Von da an war nicht mehr nur jede einzelne Familie, sondern die ganze Nation von der Trauer betroffen. Zugleich wurde dem Individuum ein immer wichtigerer Platz eingeräumt. 

Der Juni 1859 brachte einen wichtigen Wendepunkt: Rund 40.000 Tote und Verletzte blieben damals auf dem Schlachtfeld der italienischen Stadt Solferino zurück. Durch Zufall war der Geschäftsmann Henry Dunant in das Getümmel geraten und hatte mit Schrecken miterlebt wie brutal sich die Soldaten Österreichs, Piemont-Sardiniens und Frankreichs gegenseitig niedermetzelten. Der Schweizer schrieb seine Beobachtungen nieder und veröffentlichte sie unter dem Titel „Eine Erinnerung an Solferino“. 1.600 Exemplare ließ er auf eigene Kosten drucken und verschickte sie an führende Persönlichkeiten aus Politik und Militär in ganz Europa. Dunant machte darin einige Vorschläge, zum Beispiel über den Abschluss eines zwischenstaatlichen Abkommens über die Neutralität der Lazarette im Felde und die Schaffung einer ständigen Organisation für praktische Hilfeleistung an Kriegsverwundeten. Dunant hatte Erfolg: Sein erster Vorschlag führte zur Schaffung der Genfer (1864) und Haagener (1899) Konventionen, der zweite zur Gründung des Roten Kreuzes. Damit begann eine Phase der „geregelten“ Kriege.

Die schreckliche Auseinandersetzung zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas in den Jahren 1861 bis 1865 prägte eine weitere wichtige Etappe des „Nachkriegsmanagements“. Das Ausmaß der Verluste des Sezessionskrieges war beträchtlich: 600.000 Tote in nur vier Jahren. Nach dem Ende des Kriegs wurden gemeinsame Militärfriedhöfe eingerichtet, auf denen sowohl Yankees als auch Konföderierte beigesetzt wurden. Identifizierte Leichen bekamen individuelle Gräber. Die Grabsteine waren alle – ohne Berücksichtigung des Dienstgrads, der sozialen Herkunft oder Religion – mit den gleichen Zeichen versehen. Damals wurde auch der Friedhof von Arlington in Washington gegründet, auf dem amerikanische Soldaten aller Kriege ruhen. Dieser Bruch mit den Massengräbern war auch die Konsequenz aus der Entstehung eines demokratischen Staates, der das Individuum respektiert und alle mit gleichem Maße misst. 

Während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 wurden die Offiziere meist in Einzelgräbern beigesetzt, die einfachen Soldaten beider Lager in der Regel aber in Massengräbern nahe der Front bestattet. Häufig lagen sowohl Franzosen als auch Preußen nebeneinander in den Beinhäusern. Dennoch gab es auf den Gemeindefriedhöfen auch fast 37.000 Einzelgräber für Soldaten – auf abgegrenzten Bereichen. Daneben gab es auch Totendenkmäler für konfessionslose Tote.

Der Friede von Frankfurt (Januar 1871) verpflichtete die beiden unterzeichnenden Staaten in Artikel 16, alle Militärgräber, die sich auf ihrem Territorium befinden, zu respektieren und zu pflegen. Das entsprach den Prinzipien der Antike. Die Bestimmungen erwähnten zum ersten Mal den Begriff des „Rechts auf ewige Ruhe“ der Soldaten, die für ihr Vaterland gestorben waren. Dies war ein erstes wichtiges Zeichen für die neue Einstellung der europäischen Nationalstaaten gegenüber ihren im Kampf getöteten Soldaten. Frankreich musste sich fast um die gesamte Anzahl der etwa 132.000 Gräber aus dem deutsch-französischen Krieg kümmern. Das hieß auch, Flächen zu schaffen oder zu kaufen.

Während des Burenkrieges in Südafrika (1901 bis 1903) führte das britische Empire den Brauch ein, seine freiwilligen Kämpfer in individuellen Gräbern beizusetzen. Dieses Modell setzte sich während des Ersten Weltkriegs durch, um so die Anerkennung jedes einzelnen Soldaten durch die Nation zu unterstreichen. Einstige Schlachtfelder wurden damit quasi zu heiligen Stätten.


Von Yves Le Maner,
Direktor La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung in Nord-Pas-de-Calais