Die Beisetzung der Soldaten während des Ersten Weltkriegs (1914-1918)

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Wie blutig der Erste Weltkrieg werden würde ließ sich schon zu seinem Beginn erahnen: Man schätzt, dass allein am 22. August 1914, dem letzten Tag der Schlachten in den Vogesen und in Lothringen, insgesamt rund 27.000 Soldaten fielen. In den ersten fünf Kriegsmonaten (von August bis Dezember 1914) zählte die deutsche Armee dann bereits 142.000 Tote, mehr als dreimal so viel wie im Krieg von 1870/71. Die Franzosen hatten im gleichen Zeitraum sogar fast 300.000 gefallene Soldaten zu beklagen. Anders als häufig vermutet, starben im Bewegungskrieg (Sommer 1914 und Frühling/Sommer 1918) mehr Menschen als während des Grabenkriegs, auch wenn dessen Offensiven innerhalb weniger Tage zu schrecklichen Blutbädern führten.

Die horrenden Opferzahlen zwangen die Kriegführenden dazu, schnell rechtliche Vorschriften und Maßnahmen zur Organisation ihrer Militärfriedhöfe zu treffen. In den ersten Kriegsmonaten griffen sie auf die Praxis der Massenbestattung zurück. Auf französischer Seite gab General Joseph Joffre die Anweisung, Gefallene in Massengräbern mit bis zu 100 Leichen zu beizusetzen. Bei den Briten war die Höchstzahl auf sechs festgelegt, die Kopf an Fuß liegen mussten. Bei den Deutschen hingegen war sofort das Einzelgrab die Norm. Dieses sollte sich alsbald auch bei den anderen am Krieg beteiligten Nationen durchsetzen. Im Dezember 1915 schrieb Frankreich das Einzelgrab schließlich sogar gesetzlich vor.

Zunächst wurden die Leichen auf kleinen provisorischen Friedhöfen in der Nähe der Schützengräben bestattet. Auf den Gemeindefriedhöfen nahe der Front wurden notdürftig Bereiche für die gefallen Soldaten geschaffen. Die Gräber wurden mit einfachen Holzkreuzen gekennzeichnet, die oft namenlos blieben, da viele Tote nicht identifiziert werden konnten. Die Deutschen schufen ihrerseits teils imposante Bauten, die auf Dauer bestehen bleiben sollten, zum Beispiel Grabmale oder große Kreuze aus Stein oder Beton.

Ab Herbst 1914 wandelte sich der Erste Weltkrieg in einen Artilleriekrieg, in dem viele Soldaten einen anonymen und unpersönlichen Tod fanden. Insgesamt war das Artilleriefeuer  für zwei Drittel der Toten und viele Verletzte verantwortlich. Die Salven zerfurchten die Schlachtfelder und verschütteten einen großen Teil der Leichen mit Erde. Der deutsche Offizier und spätere Schriftsteller Ernst Jünger schildert dies sehr bildhaft in seinem Werk „In Sturmgewittern“: „Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die Toten (...). Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass die Leichen in Lagen übereinander geschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war  dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet worden. Dann hatten die von den Geschossen hoch geschleuderten Erdmassen die Toten verschüttet, und die nächste Kompanie war an den Platz der Gefallenen getreten.“ Eine ähnliche Aussage findet man auch in den Aufzeichnungen des französischen Frontsoldaten Paul Tuffrau: „Es gab nur Schmutz und Leichen. Ja, Leichen. Die alten Toten der Herbstkämpfe, die wir notdürftig unter der Brüstung begraben hatten, tauchten stückweise in der einstürzenden Erde wieder auf.“

In einem solchen Chaos war es oft unmöglich oder zu gefährlich, sich um die Leichen zu kümmern. Außerdem kam es bei den Bestattungen nahe der Schützengräben oft vor, dass diese provisorischen Friedhöfe von der feindlichen Artillerie zerstört wurden. Manchmal wurden die Orte der Beisetzung auch schlicht vergessen, wie im Fall der 20 britischen Soldaten des 10. Bataillons (die „Grimsby pals“), deren Überreste französische Archäologen erst 2002 wiederentdeckten. Es wird vermutet, dass die Erde auf den Schlachtfeldern hunderttausende Soldaten begrub und an der ehemaligen Westfront die Hälfte aller getöteten Männer bis heute nicht entdeckt oder gar identifiziert werden konnten.
Manchmal verschwand sogar jede Spur der Toten, zum Beispiel nach heftigen Minenexplosionen. Das war auch das Schicksal von 53 Kanadiern, an die heute auf dem Friedhof Zivy Crater bei Vimy erinnert wird.

Von Yves Le Maner,
Direktor La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung in Nord-Pas-de-Calais