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Pascal Mor
Loos Memorial - Loos en Ghoelle

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- 1915 - Kampfgase - Loos - Ypern

Kampfgase

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Der Stellungs- und Zermürbungskrieg zwang die Armeen schon bald dazu, neue Waffen zu entwickeln. Die sich entwickelnde Luftfahrt und die Produktion der ersten Panzer entsprachen dem Bestreben, die feindliche Verteidigung auszuspähen und den gegnerischen Truppen zuzusetzen, ja, sie vernichtend zu schlagen. Dieser Logik folgte auch der Einsatz von Kampfgas.

Ab August 1914 setzten die Franzosen Tränengasgranaten gegen die deutschen Truppen ein. Die Deutschen wiederum verwendeten im Oktober 1914 in Neuve-Chapelle chemische  Granatenköpfe, die bei den französischen Soldaten heftige Niesanfälle auslösten. Die Wirkung dieser Kampfgase hielt aufgrund ihrer begrenzten Menge allerdings nur kurz an.

Schon bald jedoch isolierten deutsche Chemieunternehmen ein sehr gefährliches Gas, das bei der Herstellung von Farbe entstand. Dieses Chlorgas bewirkte Verätzungen der Lungenschleimhaut und führte schließlich zum Tod. Die deutsche Armee nutzte das Gas erstmalig in der zweiten Flandernschlacht am 22. April 1915. Sein Einsatz – der erste eines tödlichen Gases in der Kriegsgeschichte – wurde von den kriegführenden Staaten der gegnerischen Seite und von neutralen Staaten, wie zu dem Zeitpunkt noch die USA, streng verurteilt. Der Angriff lieferte jedoch auch den Alliierten einen Grund, künftig auf vergleichbare Waffen zurückzugreifen. 

Das Chlorgas hatte aus militärischer Sicht zwei große Mängel: Es verbreitete einen starken Geruch und seine grüne Farbe war leicht zu erkennen. Das warnte die generische Seite vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff. Außerdem war die Handhabung sehr kompliziert: Die Soldaten mussten die schweren Gasflaschen zur ersten Linie befördern und dort aufstellen. Sie durften nur dann geöffnet werden, wenn die klimatischen Bedingungen es erlaubten. Während der Schlacht von Loos im September 1915 wurde die britische Armee aufgrund eines plötzlichen Wechsels der Windrichtung das Opfer ihres eigenen Gases. Deshalb gingen die Armeen mehr und mehr dazu über, das Gas in einen Teil der Granaten abzufüllen und sie mit Mörsern in die feindlichen Linien zu feuern. Der Vorteil: Sie konnten bei jeder Wetterlage eingesetzt werden und über die ersten Linien hinaus auch die rückwärtigen Verteidigungsanlagen angreifen.

Auf Initiative der Franzosen wurde ab 1915 häufig das recht leichte Chlorgas mit dem schwereren Phosgen gemischt, einem farblosen, nach fauligem Heu riechenden Gas. Da es beim Einatmen weniger reizt als Chlorgas, kann es länger und tiefer inhaliert werden – und entfaltete daher eine umso schädlichere Wirkung.

Die Bedrohung durch feindlichen Einsatz von Chlorgas und Phosgen wurde sehr ernst genommen und in beiden Lagern schnell Schutzmittel entwickelt. Gegen Chlorgas verwendeten die Soldaten ein Stück Gaze, das mit einer Natronlösung getränkt war, notfalls auch mit Urin. Den Stoff hielten sich die Männer vor Mund und Nase. Der erste Chlorgasangriff erfolgte im April 1915. Ab Juni desselben Jahres besaß die gesamte britische Armee Sturmhauben mit integriertem Augenschutz. Ab Januar 1916 verfügten schließlich beide Seiten über Gasmasken, die jeder Soldat sorgsam in einer Metallkiste aufbewahrte. Die Vollmaske mit Augenschutz besaß eine Kartusche mit Aktivkohlefilter. Es wurden auch spezielle Gasmasken für Tiere wie Pferde und Hunde entwickelt, die an der Front eingesetzt wurden. Zudem entstanden verschiedene Gaswarnsysteme. So wurden beispielsweise in allen Gräben bei Gasangriffen Alarmglocken eingesetzt.

Aber selbst die neuen Gasmasken boten nur einen begrenzten Schutz vor dem berüchtigten Senfgas, das die Deutschen erstmals ab Juli 1917 im Rahmen der dritten Flandernschlacht einsetzten. Das Gas war farblos und hatte einen leichten Senfgeruch. Es griff nicht nur Augen und Lunge an, sondern verätzte auch die Haut und führte zu umfangreicher Blasenbildung. Soldaten, die einer hohen Dosis Senfgas ausgesetzt wurden, starben meist innerhalb von vier bis fünf Wochen einen Erstickungstod.

Chlorgas, Phosgen oder Senfgas wurden jedoch meist nicht zur direkten Vernichtung des Gegners, sondern zur Vorbereitung eines Angriffs eingesetzt. Ihre Konzentration war selten tödlich, machte die gegnerischen Soldaten aber kampfunfähig. Die Gase hatten häufig vorübergehende Erblindung zur Folge, führten aber auch zu schwer heilbaren Verletzungen der Atemwege. Deshalb erwiesen sie sich vor allem als mächtige psychologische Waffe, die den Gegner in Angst und Schrecken versetzte. Nach der schnellen Verteilung von Gasmasken ab Mai 1915 gab es kaum noch Tote bei Gasangriffen. Laut Schätzungen waren nur drei Prozent der Vergiftungen tödlich. Aber die Leidensberichte erkrankter Soldaten nährten die Angst vor einem derartigen Angriff bei den Kameraden.

Die Schrecken des Gaskriegs führten 1925 zur Unterzeichnung des Genfer Protokolls, das „die Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Kriege“ untersagt. Das hinderte die europäischen Armeen jedoch nicht daran, vorsorglich große Bestände an Kampfgasen anzulegen. Nichtsdestotrotz griff während des Zweiten Weltkriegs keine der Krieg führenden Parteien darauf zurück. Adolf Hitler, der im Oktober 1918 als Soldat in Wervicq selbst Opfer eines Giftgasangriffs wurde, sprach sich später gegen dessen Einsatz auf dem Schlachtfeld aus. Gegen die Nutzung tödlicher Gase, allen voran Zyklon B, im Rahmen der Judenvernichtung hatte der Diktator freilich keine Skrupel.

 Edouard ROOSE