Korrespondierende Erinnerungsorte

Anne-Sophie Flament
Etaples Military Cemetery

Die Meutereien

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Nach dem Scheitern der Nivelle-Offensive auf dem Chemin des Dames im April 1917 schien die Situation für die Alliierten kritisch. Der U-Boot-Krieg bedrohte die Rohstoffversorgung. Russland stand kurz vor der Kapitulation. Am 17. April 1917 brachen zuerst in dem Gebiet zwischen Soissons und Aubérive Meutereien aus, die sich ausbreiteten und bis Anfang Juni andauerten. Die französische Armee war geschwächt. Der Historiker Guy Pedroncini sah in den Aufständen „keine Weigerung zu kämpfen, sondern eine Ablehnung der Art und Weise, wie dies geschah.“

Das Lied Chanson de Craonne drückt die soziale Distanz zwischen den Kriegsteilnehmern und den Entscheidungsträgern aus: "Es tut weh, auf die großen Boulevards zu sehen/Wo sich die großen Herren breit machen/Für die mag das Leben schön sein/aber nicht für uns/Anstatt sich zu verstecken, täten diese ganzen Drückeberger gut daran/selber in die Gräben zu steigen/.../denn wenn ihr Krieg wollt/bezahlt dafür mit eurem Blut!“ Allein General Philippe Pétain schien diesen Verdruss zu verstehen und stellte sich gegen die Pläne der Generäle Charles Mangin und Robert Nivelle.

Die Befehlsverweigerung betraf etwa 70 Divisionen. Letztlich wurden 250 Fälle von Meuterei erfasst. Dabei ging es vor allem um die Ablehnung der Teilnahme an weiteren Offensiven und nicht um das Verlassen der Posten in den Schützengräben. Auch spielten sich diese kollektiven Befehlsverweigerungen im Hinterland und nicht an vorderster Front ab. Die von Pétain erlassene Direktive Nr. 1 vom 19. Mai 1917 beendete die Meutereien: Sie befahl den Abbruch der Offensiven, ganz so, wie es die Aufständischen erhofft hatten. Die geschätzte Zahl der Meuterer lag bei 25.000 bis 40.000. Auf französischer Seite wurden 554 Todesurteile ausgesprochen, von denen aber nur 49 vollstreckt wurden. Auch auf Seiten der britischen Armee war es zu Meutereien gekommen.
 
Der britische Generalstab nutzte Etaples als Sammelort für seine Truppen. Die Stadt lag weit von den Kämpfen entfernt, verfügte aber über eine gute Eisenbahnanbindung nach Arras und Béthune. 60.000 Soldaten bereiteten sich in ständigen Manövern auf dem riesigen Trainingsgelände des Mont Levin auf ihren Fronteinsatz vor. Die Neuankömmlinge landeten im Hafen von Boulogne-sur-Mer und wurden umgehend auf den 26 Kilometer langen Gewaltmarsch nach Etaples geschickt und dort einem harten Training unterworfen. Viele der Ausbilder, die wegen ihrer gelben Armbinden „Kanarienvögel“ genannt wurden, hatten die Front selbst noch nie gesehen, agierten aber dennoch mit Sadismus und Grausamkeit. Der Soldat Notley bezeichnete sie als „die schlechtesten Menschen, die man sich vorstellen kann. Sie verstanden es, den Männern das Leben zur Hölle zu machen.“ Und der Obergefreite Reynolds berichtete über die Bedingungen: „Am Fuße des Hügels befand sich das Sträflingscamp Nr. 1, dessen unglückliche Insassen an den Handgelenken gefesselt waren, während unten am Strand Hunderte und Tausende von Soldaten, die in Dreck und Schlamm kämpften, verprügelt und verletzt wurden.“ Im September 1917 schließlich revoltierten die Soldaten in Etaples gegen diese Ausbildungsbedingungen. Eine Zensur ihrer Post am 17. September 1917 provozierte den Aufstand von schottischen und kanadischen Soldaten, die alle Brücken mit Maschinengewehren versperrten. Einige Deserteure schlossen sich in den nahe liegenden Wäldern in Banden zusammen. Eine Gruppe von Deserteuren, die sich Le Sanctuaire nannte („Das Refugium“), suchte in den Tunneln und Schächten um den Ort Camiers Zuflucht.

Einigen Studien zufolge (Allison und Fairley: The monocled mutineer, 1978; M. Lecat: Quand les laboureurs courtisaient la terre, 1995) begann die Rebellion am 9. September 1917. An jenem Tag nahm die Militärpolizei den Obergefreiten William Wood auf dem Platz von Etaples fest, weil er sich mit einer Krankenschwester unterhalten hatte, was Soldaten untersagt war. Im Laufe der Festnahme kam es zu einer Schlägerei, bei der der Patrouillenführer den Obergefreiten erschoss. Die Neuigkeit breitete sich unter den Schotten, Australiern und Neuseeländern des Camps schnell aus. Sie rissen ihre Waffen an sich und begannen mit der Meuterei. Die aufständischen Soldaten verteilten sich trotz der Blockade der Infanterie auf der Brücke Trois Arches in der Stadt und machten Jagd auf die „Kanarienvögel“ und die Militärpolizei. Ihnen schlossen sich tausend Aufständische aus Le Touquet an. General Thomson, Kommandant des Trainingscamps, und sein Stab wurden von der Brücke in den Fluss Canche geworfen. „Die Briten stürzten sich wie die Wilden auf die Stadt. Sie klauten und zerstörten alles, was ihnen in den Weg kam, und hielten den Hauptplatz für mehrere Tage besetzt“, berichtete der damals 15-jährge Lucien Roussel aus Etaples.

Nach drei Tagen der Revolte entschloss sich das britische Kommando einzuschreiten. Die 19. Husaren und ein Teil der 1st Honorable Artillery Company wurden nach Etaples beordert. Am 13. September 1917 schlossen sich zwei Bataillone an, die von der Front im Artois abgezogen wurden. Ihnen folgte ein Schwadron Gurkhas der indischen Armee. Ab dem folgenden Tag wurde das Camp belagert. Die Aufständischen sollten gefasst und an die Front geschickt werden. Die genaue Zahl der Soldaten, die dabei ums Leben kamen, lässt sich heute nicht mehr ermitteln.

In Boulogne musste sich die britische Armee außerdem mit Meutereien unter den Labour Corps (Arbeitskorps) auseinandersetzen. Feldmarschall Douglas Haig ließ 23 ägyptische und neun chinesische Arbeiter hinrichten.

In Etaples wurde der Obergefreite Jesse Short am 4. Oktober 1917 erschossen. Der Anführer der Meuterei, der Deserteur Percy Toplis – auch als „der Meuterer mit dem Monokel“ bekannt – wurde am 15. Oktober 1917 in Rang-du-Fliers festgenommen und 1920 in England hingerichtet.

Didier PARIS,
Geschichtslehrer