Lille: Besatzung und Wiederaufbau

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Am 1. August 1914 hatten die Franzosen Lille als “offene Stadt” deklariert – im Kriegsrecht bezeichnet dieser Ausdruck eine Stadt oder Ortschaft, die vom Militär nicht (mehr) verteidigt wird. Im Rahmen des „Wettlauf zum Meer“ geriet die Regionalhauptstadt von Nord Pas-de-Calais dann aber dennoch in das Kriegsgeschehen hinein. Nach intensiven Bombardements der Deutschen im Oktober 1914 kapitulierte Lille schließlich und blieb – als eine von wenigen großen französischen Städten – während des gesamten Krieges besetzt. Einfache deutsche Soldaten, aber auch Offiziere kamen in den folgenden Jahren hierher, um sich in den vielen Cafés und im deutschen Theater vom Kriegsalltag zu entspannen. Einmal reiste sogar der kaiserliche Prinz von Bayern an, um die Truppe zu besuchen.

Für die Bevölkerung brachte die Besatzung viele Unannehmlichkeiten und Entbehrungen mit sich. So mussten manche Geiseln die Nächte in der Zitadelle verbringen, andere wurden nach Deutschland transportiert und dort jahrelang interniert. Unter ihnen war auch der Politiker Gustave Delory. Als er nach seiner Rückkehr erstmals wieder an einer Parlamentssitzung teilnahm, wurde er mit stürmischem Beifall begrüßt – mit Delorys Rückkehr nach Frankreich schien Lilles Ehre wenigstens ein Stück weit wieder hergestellt zu sein. Von der Bevölkerung der Stadt war die Besatzung als große Schande empfunden worden. Zudem litt sie unter dem – mehr oder weniger offen geäußerten – Verdacht, es unter der deutschen Besatzung besser gehabt zu haben als andere Städte. Arras, Reims und Verdun wurden dagegen als Monumente des nationalen Märtyrertums angesehen.

Groß war daher in Lille der Wunsch, sich mit dem Wiederaufbau moralisch zu rehabilitieren. Platz gab es genug, denn Lille hatte 1919 die offizielle Erlaubnis erhalten, seine Befestigungsanlagen abzubauen. Diese  wurden für militärische Zwecke nicht mehr benötigt. Die Fläche, die nun entstand, war fast genau so groß wie das gesamte innere Stadtgebiet.

Erst nachdem britische Truppen Lille im Oktober 1918 befreit hatten, wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung offensichtlich: Mehr als 1.100 Häuser lagen in Trümmern und rund 11.100 Gebäude waren durch die Bombardierungen von 1914 oder aber durch die, 1916 durch einen Unfall verursachte, Explosion des Munitionslagers 18 Ponts stark beschädigt. Ebenfalls 1916 war auch das Rathaus durch einen Kurzschluss in Flammen aufgegangen.

Nach dem Krieg stellte sich nun die Frage, wie das hôtel de ville wieder aufgebaut werden sollte: Nach altem Vorbild – oder doch lieber ganz anders? Ein Teil des früheren Gebäudes hatte noch zum Palast der Herzöge von Burgund gehört; ein anderer bestand aus einer strengen Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert. Die neue sozialistische Stadtverwaltung entschied sich unter Gustave Delory schließlich gegen die Idee, das Gebäude wieder so aufzubauen, wie es bis 1916 ausgesehen hatte – mit dem Eklektizismus des 19. Jahrhunderts wollte man nichts mehr zu tun haben. Um mit den alten Traditionen zu brechen, sollte das neue Rathaus auch an einem neuen Platz entstehen, im Arbeiterviertel Saint-Sauveur.

Im Jahr 1920 rief die Stadtverwaltung einen Ideenwettbewerb zum Wiederaufbau der Stadt aus. Es konnten Vorschläge für die Stadt als solche und für den Großraum Lille-Roubaix-Tourcoing eingereicht werden. Am Ende gingen die Architekten Jacques Gréber und Louis-Stanilas Cordonnier, der Sohn von Louis-Marie Cordonnier als Gewinner aus dem Wettbewerb hervor, doch die Umsetzung des Bauplans von Lille und der Bau des neuen Rathauses wurde  Émile Dubuisson anvertraut.

In Lille können zwei Arten des Wiederaufbaus unterschieden werden: Ein privater, der, wie anderswo auch, durch Kooperativen unterstützt wurde, und ein öffentlicher Wiederaufbau, der unter anderem durch den Rückkauf der Reparationsrechte für Kriegsschäden finanziert wurde. Auf diese Möglichkeit griff die Kommune vor allem im Viertel Saint-Sauveur zurück. Der private Wiederaufbau war im Stadtzentrum besonders intensiv: Er betraf die Rue Faidherbe, die Rue Molinel, die Rue de Paris, die Rue de Béthune sowie deren Nachbarstraßen. Das Erkennungszeichen der Architekten Marcel Desmet und René Doutrelong war der Einsatz von Stahlbeton für das Grundgerüst der Gebäude. Hinter dem Bahnhof, in der Rue de Tournai, sollten Stahlbetonsäulen die Fassadengiebel betonen. In der Rue Faidherbe und der Rue de Béthune befand sich hinter dem flämischen Dekor eine vollkommen neu renovierte Einkaufswelt: Kaufhäuser, Theater, Kinos, Cafés, Nobelhotels.

Im Bereich des Viertels Lille-Moulins, wo die Explosion des 18 Ponts Depot den überwiegenden Teil der Gebäude dem Erdboden gleichgemacht hatte, wurden die großen Fabriken der Textilindustrie und die Unterkünfte mit den typischen Hinterhöfen für die Arbeiter wieder aufgebaut. Dabei wurden die Höfe vergrößert, die Häuser um eine Etage erhöht und an das städtische Versorgungsnetz angeschlossen. Einige neuere Siedlungen wurden in Richtung des Porte de Valenciennes gebaut. Anders als beim Ideenwettbewerb vorgesehen, wurde nicht versucht, die sozialen Schichten räumlich zu mischen.

Der öffentliche Wiederaufbau war von der Enttäuschung über das Ausbleiben von Reparationszahlungen geprägt und mit der Zeit reduzierte sich der anfängliche Ehrgeiz immer mehr. Das Programm der großen Instandsetzungsmaßnahmen von Roger Salengro gab den Arbeiten dann jedoch neuen Schwung. Der Abriss der Befestigungsanlage ging langsam voran und war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch nicht fertiggestellt. Im Ostteil der Stadt zwischen dem Viertel Fives und dem Zentrum konnten einige Einrichtungen aufgebaut werden, zum Beispiel der Palast der Handelsmesse, die Telefonzentrale und das Postgiroamt. Im Westen war die Klinik noch im Aufbau, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die neuen Gymnasien, der Durchgangsbahnhof, der Flughafen und die neue Universität wurden aufgegeben oder zur Disposition gestellt. Mehrere Denkmäler wurden errichtet, u.a. ein Denkmal für die Erschossenen von Lille, eines für Louise de Bettignies und eines für Léon Trulin. Das Kriegerdenkmal wurde an die Reste des Palais Rihour angegliedert und soll auf diese Weise sowohl an die Zerstörungen als auch an den Wiederaufbau erinnern.

Das neue Rathaus im Viertel Saint-Sauveur war der wohl größte Erfolg des Wiederaufbaus, allerdings blieb es unvollendet. Von drei vorgesehenen Flügeln wurden nur zwei realisiert: Der Verwaltungstrakt und der Turm. Der dritte Flügel, der Räumlichkeiten für offizielle Empfänge, einen Festsaal und das Büro des Bürgermeisters umfassen sollte, wurde niemals gebaut. Das jedoch, was umgesetzt worden war, prägte die Stadt. Der Verwaltungsflügel stellt eine Art lange "Straße der Stadtverwaltung" dar, in der die Abteilungen wie in einer amerikanischen Bank nebeneinander ihre Schalter aufgebaut haben. Der Gang ist mit Säulen geschmückt, deren Kapitelle aus Beton in Aluminiumformen gegossen wurden. Alle Details des Dekors innerhalb und außerhalb des Gebäudes gehen auf den Architekten Emile Dubuisson zurück. Der Turm des Rathauses schließlich war der erste Wolkenkratzer, der in Frankreich aus Stahlbeton gebaut wurde. An seinem Fuß befinden sich die in Beton gegossenen riesenhaften Statuen der beiden Stadtgründer Lydéric und Phinaert – sie sollen eine im Volk verwurzelte Wiedergeburt symbolisieren.

Die Hoffnungen, dass Deutschland Reparationen zahlen würde, hatte sich alsbald zerschlagen und so ließen sich die großen Veränderungen des Stadtbilds, die vorgesehen und erwünscht waren, letztlich nicht realisieren. Der Abbau der heruntergekommenen Höfe im Viertel Saint-Sauveur musste ebenso verschoben werden wie der Durchbruch der großen Verkehrswege in Richtung Stadtzentrum. Immerhin konnten im Stadtzentrum aber zwei Gebäude fertig gestellt werden, deren Bau bereits vor dem Krieg begonnen hatte: Die Neue Börse und die Oper, beide vom Architekten Louis-Marie Cordonnier entworfen, haben in diesem Rahmen zu ihrer wahren Berufung gefunden.

Claude FOURET,
Geschichtslehrer