Die Reintegration der Zivilbevölkerung des Artois nach dem Krieg

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Die deutsche Invasion von 1914 und der Einzug des Kriegs im Artois führten zu einer umfangreichen Flucht der Zivilbevölkerung vor den Kämpfen. Im Anschluss an den Waffenstillstand stellte sich den Behörden die Frage nach der Reintegration der geflohenen Bevölkerungsteile, sowohl auf nationaler wie auf lokaler Ebene. Nach vier Jahren Krieg im Artois waren viele Orte an der Frontlinie dem Erdboden gleichgemacht worden. Die Bedingungen für eine schnelle Rückkehr der Einwohner waren daher mehr als ungünstig: Es fehlte nicht nur an Gebäuden, auch die sanitäre und gesundheitliche Situation war prekär. Die Wiederansiedlung der Zivilbevölkerung ließ sich nur nach und nach umsetzen. Dabei galt es viele Herausforderungen zu überwinden.

Die dringlichste Aufgabe war ohne Zweifel der Wiederaufbau. Die ersten Rückkehrer mussten sich meist mit Notunterkünften zufrieden geben. Ein Verwaltungsbericht aus dem Sommer 1919 bemerkte, dass in Thélus „die Einwohner in unterirdischen Unterschlupfen und Höhlen (…) auf Matratzen aus Heu schlafen“. Im November 1921 berichtete der Bürgermeister von Souchez, dass es in seiner Gemeinde nur noch zwei benutzbare Unterkünfte gebe. Provisorischer Schutz, wie Hütten aus Holz oder Wellblech, wurden zwar von der Verwaltung zu Verfügung gestellt, aber ihre geringe Anzahl wurde dem Bedarf nicht gerecht. Im September 1922 stand die Wohnungsnot immer noch auf der Tagesordnung des Regionalrates, der dazu feststellte: „In vielen Kommunen, vor allem im Kanton Vimy, ist die Wohnungsnot noch nicht vollständig gelöst worden (…). Viele Flüchtlinge können aufgrund fehlender Notunterkünfte nicht in ihre Kommunen zurückkehren. Viel zu häufig sind zwei bis drei Familien – und das bedeutet zehn bis zwölf Personen – gezwungen, unter einem Dach zu leben, und das unter Bedingungen, die sowohl vom hygienischen als auch vom moralischen Standpunkt aus erbärmlich sind.

Zur Wohnungsnot kam das noch schwerwiegendere Problem der Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser hinzu. Während des Kriegs hatten die Artilleriebombardements den größten Teil der Brunnen und der Wasserleitungen in den frontnahen Kommunen zerstört. Das zur Verfügung stehende Wasser war in den meisten Fällen nicht für den menschlichen Konsum geeignet oder von so schlechter Qualität, dass es ein erhebliches gesundheitliches Risiko für die Bevölkerung darstellte. Im Sommer 1919 waren in Neuville-St-Vaast nur noch vier Brunnen in Betrieb und ein einziger in Thélus, der das ganze Dorf und die Kriegsgefangenen versorgen musste (…) und bereits ab dem frühen Nachmittag trocken war“. Allein für die Kommunen von Souchez, Givenchy, Carency und Vimy belief sich der Preis für die Einrichtung einer Wasserversorgung auf mehr als zwei Millionen Francs, die teilweise von der staatlichen Lotterie und dem Ministère des Régions Libérées (Ministerium für die befreiten Regionen) finanziert wurde.

Die Statistiken über die Reintegration der Zivilbevölkerung der Arrondissements Arras und Béthune zeugen von der relativ langen Zeitspanne, die die Rückkehr der Einwohner in die zerstörten Kantone beanspruchte (vgl. die Tabelle unten). Erst  zu Beginn des Jahres 1924 erreichte die Bevölkerungsdichte der beiden Arrondissements wieder das Vorkriegsniveau. Nach dem Ersten Weltkrieg beklagten einige Kommunen des Artois einen beträchtlichen Bevölkerungsverlust. Neuville-St-Vaast verlor zum Beispiel 25% seiner Population.

Yann HODICQ
Mitglied der Kommission für Geschichte und Archäologie
des Departements Pas de Calais