Korrespondierende Erinnerungsorte

Pascal Mor
D

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- Bailleul - Wiederaufbau - Ypern

Bailleul: (Wieder)Aufbau einer idealen flämischen Stadt

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Im Oktober 1914 marschierten die Deutschen zum ersten Mal in Bailleul ein. Eine Woche später wurde die Stadt von der britischen Armee zurückerobert und dann zur rückwärtigen Basis für die britischen Truppen ausgebaut, die am Frontvorsprung von Ypern eingesetzt waren. Die Stadt beherbergte Truppen, den Generalstab sowie medizinische und chirurgische Versorgungsstellen. 1917 versuchte die deutsche Armee, Ypern abzuschnüren, und nahm dazu die rückwärtigen Basen der Alliierten unter Dauerbeschuss. In Bailleul richtete ihre Artillerie große Schäden am Bahnhof und in den wichtigsten Straßen an. Die große deutsche Frühlingsoffensive von 1918 sowie die Befreiung der Stadt im August führte zu ihrer weitgehenden Zerstörung. Am Ende des Kriegs lag die Stadt zu 98% in Trümmern.

Der Architekt Louis-Marie Cordonnier koordinierte den Wiederaufbau des Leietals. Für Bailleul bildete er mit Louis Roussel, Jacques Barbotin sowie den Brüdern René und Maurice Dupire ein Architektenteam aus Vertretern des Regionalismus. Ihre Absicht war es nicht, die Stadt identisch wieder aufzubauen. Denn im Gegensatz zu Arras gab es in Bailleul auch vor dem Krieg keine beachtenswerte Architektur. Vielmehr bestand die Stadt aus Gebäuden, die mit Hilfe von Spachtelkitt und Farbe Steinbauten imitierten, eine Bauweise, die die  regionalistischen Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht als typisch Flämisch einstufen wollten. Der Wiederaufbau von Bailleul bot ihnen die Gelegenheit, einen flämischen Regionalismus gemäß ihrer Theorien neu zu definieren, ohne auf den Gebäudebestand der Vorkriegszeit  Rücksicht nehmen zu müssen. Bailleul wurde ihr Bühnenbild, ein utopisches, fast filmgleiches Dekor, das den Regionalismus in Szene setzte. Es sollte das Fundament einer nationalen Wiedergeburt nach dem Krieg bilden.

Gleichwohl drängte Louis-Marie Cordonnier seinen Stil niemandem auf. Bei der Neuschaffung von Bailleul standen vielmehr verschiedene Architekturstile Pate. Das Gesetz Cornudet von 1919 forderte von allen Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern ein städtebauliches Konzept, das die zukünftige Entwicklung, Verschönerungen und Erweiterungen berücksichtigte. Der Plan von Louis-Marie Cordonnier wurde 1920 angenommen. Er sah die Erhaltung der Vorkriegsstruktur bei gleichzeitiger Verbesserung der Verkehrswegeplanung und der sanitären Infrastruktur vor. Die Straßen wurden verbreitert und ein Verkehrssystem aufgestellt. Da sich jedoch die Bereitstellung der staatlichen Hilfen verzögerte und der Wiederaufbau zu stagnieren drohte, beschloss Bürgermeister Natalis Dumez 1921 zum Straßenraster der Vorkriegszeit zurückzukehren.

Die Arbeiten begannen in den 1920er Jahren und wurden Anfang der 1930er Jahre abgeschlossen. Das Rathaus wurde 1932 fertiggestellt. Louis-Marie Cordonnier hatte es in der ursprünglichen Größe wiederaufgebaut und den gotischen Saal aus dem 13. Jahrhundert beibehalten. Der Zwiebelturm erreicht eine Höhe von 62 Metern. Die Verwaltung wurde im Erdgeschoss untergebracht, die Prunksäle im Obergeschoss.

Im Rahmen des Wiederaufbaus wurden auch die öffentlichen Einrichtungen der Stadt verbessert: zu ehemals bestehenden Einrichtungen, wie dem Museum oder der Zeichenschule, kamen neue hinzu. Die Schulen wurden unter Berücksichtigung moderner Maßstäbe neu aufgebaut. So wurde zum Beispiel auf größere Fenster und natürliches Licht geachtet. Der Kindergarten fand in einem Nebengebäude der Mädchenschule Platz. Die Jungenschule wurde neben einem öffentlichen Schwimmbad untergebracht. Das ehemalige Hospiz baute die Stadt zu einem modernen Gesundheitskomplex mit Krankenhaus, Hospiz und einer Entbindungsstation aus.

Auch die Häuser wurden im regionalistischen Stil gebaut. Die Mitarbeit mehrerer Architekten verhinderte Monotonie und stereotype Bauweisen. Kurz nach dem Krieg wurde ein Teil der Bevölkerung in provisorischen Notunterkünften untergebracht. Zwischen 1920 und 1934 errichtete die „Société anonyme des Habitations à Bon Marché“ (H.B.M., Gesellschaft für günstiges Wohnen) von Bailleuil 300 Häuser, die jeweils aus zwei Räumen im Erdgeschoss, zwei Zimmern im Obergeschoss, einem Speicher und einem Garten von 200 bis 300 m² Fläche bestanden.

Das Gebäude der Psychatrischen Frauenklinik des Departements war 1918 komplett zerstört worden. Die neue Einrichtung wurde auf mehrere in einem Park gelegene Pavillons im Cottage-Stil verteilt. Der Eindruck des „Weggeschlossenwerdens“ sollte vermieden und die Chancen auf Heilung durch eine angenehme Umgebung gefördert werden.

Am Ende des Wiederaufbaus vereinte Bailleul alle Elemente einer Stadt, die architektonisch rundherum erneuert worden war und doch an ihren historischen Wurzeln festhielt.

Claude FOURET,
Geschichtslehrer