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Eric Lebrun
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- Arras - Wiederaufbau

Arras: Identischer Wiederaufbau und neue Bautechniken

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Reims! Du bist nicht allein: Arras ist ein Trümmerhaufen.“ Der Schrei des Journalisten Albert Londres hält schon 1914 fest, welche Anforderungen der Wiederaufbau stellen würde. Arras wurde vom Historiker Louis Bréhier als „Baudenkmal von besonderem nationalem Rang“ mit Reims in Verbindung gebracht. Zeitgenossen waren der Meinung, dass die Deutschen versucht hätten, das Frankreich Ludwig des IX., genannt Ludwig der Heilige, zu vernichten: In Reims zerstörten sie die Kathedrale, in Arras den alten Stadtkern – und damit die Seele der Stadt. Der Wiederaufbau von  Arras, das im 13. Jahrhundert Hauptstadt der romanischen Literatur und Kultur gewesen war, stellte eine schwere Herausforderung dar und führte an die Grenzen des Möglichen.

Die Bombardements vom September 1914 und Mai/Juni 1915 hatten die städtebaulichen Ensembles der beiden Hauptplätze, den Palast Saint-Vaast und die Kathedrale, den Turm und das Rathaus sowie die typischen großen Stadthäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert komplett zerstört. Nur 5% der Häuser in der Stadt blieben unversehrt. Die anderen waren entweder nicht mehr zu retten oder stark beschädigt.

Der Wiederaufbau der Plätze und der Denkmäler wurde dem Generalinspekteur für historische Monumente, Pierre Paquet, anvertraut. Ein Gesetz vom 17. April 1919 über die Kriegsschäden sah den identischen Wiederaufbau der historischen Monumente vor. Am 27. Dezember 1918 wurden die Häuser an den Hauptplätzen, die Abtei Saint-Vaast, der Turm und die Fassade des Rathauses als historische Denkmäler eingestuft. Die Wiederaufbauarbeiten dauerten von 1919 bis 1934. Der Zustand der Gebäude war so katastrophal, dass man eher von einem Wiederaufbau als einer Restaurierung sprechen muss. In den meisten Fällen war von den betroffenen Gebäuden nur eine Ruine übrig geblieben, so etwa bei zwei Drittel der 155 Fassaden an den Hauptplätzen. Pierre Paquet ging mit peinlicher Genauigkeit vor und wandte sich von den manchmal abenteuerlichen Methoden des 19. Jahrhunderts und des Architekten Viollet-le-Duc ab. Da es keine präzisen Pläne von den Fassaden und Gebäuden gab, musste sich Paquet an alten Dokumenten und Fotografien orientieren. Das äußere Erscheinungsbild der Gebäude wurde bis auf einige architektonischen Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert systematisch beibehalten, das innere hingegen freier gestaltet. So wurden die Räume des Rathauses etwa den Ansprüchen einer modernen Stadtverwaltung angepasst.

Fallweise konnten der Bauplan und das Mauerwerk nach den klassischen Regeln der Symmetrie richtiggestellt werden. Dies war beim Rathaus der Fall. Das Dekor der Fassaden wurde dort, wo es möglich war, restauriert und an den anderen Stellen im Sinne der Gesamterscheinung der Gebäude rekonstruiert. Technisch konzentrierte sich der Wiederaufbau von Arras auf den Gebrauch von Stahlbeton. Der Turm behielt zwar sein mittelalterliches Aussehen; er ist jedoch auf einer soliden Armierung aus Beton und Stahl verankert. Die gleichen Materialien wurden auch bei der Abtei Saint-Vaast und den Gebäuden rund um die beiden Hauptplätze eingesetzt. Der Festsaal des Rathauses wurde zusätzlich mit Gemälden von Charles Hoffbauer verschönert. Es handelt sich um ein riesiges Fresko, eine Idealisierung der Stadt Arras und ihrer Bevölkerung im 16. Jahrhundert. Jedes Element stellt für sich eine Art Genrebild dar. Der Maler ließ sich von Bruegel, aber auch von antiken Zeichnungen inspirieren.
Die Arbeit von Pierre Paquet in Arras ist beeindruckend: Unter seiner Leitung erlebten die historischen Gebäude, ja das gesamte Stadtbild, allen voran die beiden zentralen Plätze, eine Wiedergeburt. Sein Werk ist Vorbild für heutige Restaurationsarbeiten. Paquet verband die Verwendung modernster Techniken mit der Suche nach kreativen Lösungen. Gleichzeitig folgte er dem historischen Vorbild und versuchte den ursprünglichen Charakter des Gebäudes wiederzubeleben.

Der Wiederaufbau von Arras geriet dennoch häufig an seine Grenzen. Die identische Rekonstruktion war äußerst kostspielig und erforderte nationale und internationale Hilfe; außerdem band sie Ressourcen für Investitionen in die übrige städtische Infrastruktur. Ein erster städtebaulicher Plan aus dem Jahr 1923, der versucht hatte, Fragen der Hygiene und Kanalisation zu berücksichtigen, wurde wieder aufgegeben, da er zu ehrgeizig war. Zudem flossen die staatlichen Hilfsgelder nur langsam. Ein großer Teil der Baugrundstücke wurde unter dem Druck von Spekulationsgeschäften verteilt, Hygiene- und Sicherheitsnormen nicht eingehalten, Städtebaupläne gar nicht erst erstellt. Der neue Bebauungsplan für Arras von 1925 war weniger ehrgeizig als sein Vorgänger und betraf lediglich die Organisation des Gas-, Wasser- und Stromnetzes. 60 Kilometer befahrbare Straßen mit Bürgersteigen und Beleuchtung, Schulen und Mittelschulen wurden neu gebaut. Der soziale Wohnungsbau ließ jedoch noch auf sich warten.

Der Kontrast zwischen der Rekonstruktion des historischen Stadtkerns und dem Wiederaufbau der übrigen Stadt war offensichtlich. Dahinter steckte der Versuch, städtebaulich an die vergangene Größe zu erinnern, um das Trauma des Kriegs zu überwinden und innerhalb der Bevölkerung neue Hoffnung zu wecken. Arras ist somit ein gutes Beispiel für die Ambitionen und die Grenzen des Wiederaufbaus.

Der historische Stadtkern hat übrigens im Laufe der Zeit einen Teil seiner kommerziellen Anziehungskraft an das Bahnhofsviertel verloren.

Claude FOURET,
Geschichtslehrer