Die Siegfriedstellung

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Nachdem die Deutschen begriffen hatten, dass der Krieg in eine statische Phase übergeht, setzten sie Ende 1914 auf eine Verteidigungsstrategie und konzentrierten sich auf die Verstärkung ihrer Linien. Zügig besetzten sie vor allem geografisch und geologisch vorteilhafte Gebiete wie Höhenzüge und trockene Ebenen. Das benachteiligte die alliierten Truppen an fast allen Frontabschnitten, denn ihre Positionen lagen oftmals tiefer und in Bereichen, die anfällig für Wasserstau waren.

Während die Deutschen von länger andauernden Kampfhandlungen ausgingen, hofften die Alliierten auf ein schnelles Ende des Krieges. Sie versuchten, die gegnerische Front zu durchbrechen und die Entscheidung auf dem offenen Schlachtfeld zu erzwingen. Um dieser Strategie entgegenzuwirken, blieb den Deutschen nichts anderes übrig, als ihre Befestigungsanlagen ohne Unterlass zu verstärken.

Die Effizienz des deutschen Systems zeigte sich auf tragische Weise bei der britischen Offensive an der Somme im Juli 1916: Die deutschen Soldaten hielten in ihren gut befestigten Unterständen eine Woche lang dem heftigen Artilleriefeuer stand. Als die britische Infanterie dann das Niemandsland stürmte, standen sie in kompletter Stärke zum Kampf bereit: Innerhalb eines Tages mussten 20.000 Briten ihr Leben lassen, 40.000 wurden verletzt oder galten als vermisst.

Als Reaktion auf die andauernden alliierten Angriffe entschied sich der deutsche Generalstab,  während der letzten Phase der Schlacht an der Somme eine neue Verteidigungslinie zu errichten. Sie wurde zum technischen Höhepunkt deutscher Befestigungsbauten an der Westfront. Dieses als Siegfriedstellung (oder von den Alliierten als Hindenburglinie) bezeichnete Bollwerk erstreckte sich von der Nordsee bis nach Verdun und wurde zwischen zehn und 50 Kilometer hinter der bestehenden Front errichtet. Dabei handelte es sich um ein System von befestigten Stellungen, die durch langgezogene Verteidigungskorridore miteinander verbunden waren.

Die Alliierten interpretierten den Rückzug der Deutschen als Zeichen der Schwäche. Doch er sollte sich als intelligente Maßnahme herausstellen: Die Deutschen konnten sich so auf einen verkürzten Frontstreifen zurückzuziehen, ihre Truppen bündeln und auf besser befestigte Stellung wechseln. So vermieden sie hohe Verluste wie in Verdun und an der Somme, die auf lange Sicht untragbar gewesen wären. Zugleich ordnete der deutsche General Erich Ludendorff die systematische Zerstörung der zu räumenden Gebiete an, um den Alliierten jegliche Infrastruktur und Unterschlupf zu nehmen. Auch wurde das Gebiet vermint und mit Sprengfallen versehen.

Die Verteidigungslinie bestand aus fünf Stellungen mit Namen aus der germanischen Mythologie. Von Norden nach Süden hießen sie Wotan, Siegfried, Alberich, Brunhilde und Kriemhilde. Siegfried war die mächtigste Stellung: Sie verband auf einer Länge von 160 Kilometern Lens mit Reims und wurde innerhalb von nur fünf Monaten fertig gestellt. Die dafür eingesetzten 500.000 Arbeiter waren deutsche Zivilisten und russische Kriegsgefangene. Die Stellung bestand aus etwa fünf Meter tiefen Gräben und unterirdischen Unterständen. Vor der ersten Linie befanden sich Stacheldrahtgürtel mit einer Breite von mindestens 20 Metern. Die Unterstände und Pillboxen, ebenerdige und meist quaderförmige Bunker, waren durch Stahlbeton und -platten geschützt. Etwa drei Kilometer vor der Hauptlinie wurde zusätzlich eine etwas weniger befestigte Vorpostenlinie aufgestellt, die die angreifenden Truppen aufhalten sollte. Die eigentliche Kampfzone war zwei Kilometer breit und bildete eine von Artillerie und Maschinengewehren beherrschte Sperre, die die feindliche Infanterie zerschlagen sollte. Später wurden vor den ersten Linien zudem Panzergräben ausgehoben.

Der Rückzug auf die neue Verteidigungslinie, das „Unternehmen Alberich“, fand im März 1917 statt. Dadurch sollte auch die Nivelle-Offensive gestört werden, deren Grundzüge dem deutschen Generalstab bekannt waren.
Ein Jahr später war die Siegfriedstellung Ausgangspunkt für die Kaiserschlacht, die am 21. März 1918 begann. Im folgenden September kam es hier zum Angriff durch die Alliierten mit massivem Panzereinsatz. Es folgte die Einnahme der gesamten Siegfriedstellung am 10. Oktober. Der endgültige Sieg der Alliierten stand kurz bevor.

Yves LE MANER
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais