Die Schützengräben

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Im Dezember 1914 begann die von dem französischen Historiker Pierre Miquel als „Winter der Soldaten“ bezeichnete Periode, die dem „Frühling der Generäle“ folgte: Ein langer Winter mit einem zermürbenden Stellungskrieg in den Schützengräben. Die Front war zu einer durchgehenden Linie von Verteidigungsanlagen geworden. Die Schützengräben waren durch Verbindungsgräben vernetzt.

Um die eroberten Gebiete zu halten, verschanzten sich die Deutschen schnell in ihren Stellungen. Die ersten Verbindungsgräben wurden auf dem Chemin des Dames ausgehoben. Die Deutschen nutzten das Relief optimal, indem sie sich auf den höher gelegenen Stellen festsetzten und sich so ideale Beobachtungsposten sicherten. Strategisch gesehen stützte sich der Grabenkrieg mehr auf die Stärke der Artillerie als auf den Mut des Einzelnen.

Von den deutschen Schützengräben in Monchy-au-Bois im Süden von Arras erzählt Ernst Jünger in seinem Buch „In Stahlgewittern“: „Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgräben verbunden war. Sie war in zwei Unterabschnitte, Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten sich wiederum in die sechs Kompanie-Abschnitte A bis F. […] Um die erste Linie, den Schützengraben, zu erreichen, benutzten wir einen der vielen Eingangsgräben, um sicher zu den Kampfpositionen zu gelangen. Diese häufig kilometerlangen Verbindungsgräben führten zum Gegner. Damit man nicht unter Beschuss genommen wurde, waren sie im Zickzack oder leicht bogenförmig angelegt. Nach einer Viertelstunde Annäherungsmarsch kamen wir auf die zweite Linie, die parallel zur Frontlinie verlief und in der die Gegenwehr weitergeführt werden musste, wenn der Kampfgraben erobert worden war.“

Die Situation in den französischen Gräben hat der ehemalige Frontsoldat und Autor Jacques Meyer in seinen Büchern intensiv beschrieben. Die Franzosen gruben zunächst einzelne mehr oder weniger miteinander verbundene Löcher. Gegenüber den deutschen Bunkern konstruierten sie sowohl parallel verlaufende Kampfstellungen, als auch solche in Zickzacklinie, damit nicht zwei Grabenreihen vom gleichen Beschuss betroffen sein konnten. Die Beschaffenheit des Bodens spielte eine wichtige Rolle. Konnte nicht ausreichend tief gegraben werden, errichtete man zur gegnerischen Seite hin einen Schützenauftritt. Bei feuchten Böden wurden die Wände mit Weidengeflechten und Faschinen (Reisig- oder Strauchbündeln) verstärkt. Der obere Teil wurde mit Erdsäcken gesichert. Der unmittelbaren Verteidigung der Gräben dienten Stacheldraht und Spanische Reiter, Sperren aus Holzpfählen und Stacheldraht. Das Niemandsland, das Gebiet zwischen den beiden Frontenlinien, war nie besonders breit: höchstens ein Kilometer. Im Hinterland befanden sich eine zweite und manchmal sogar noch eine dritte Linie. Die Soldaten verfügten anfangs lediglich über Einzelunterstände, die sie als „Hundehütten“ bezeichneten. Später wurden zur gegnerischen Seite hin tiefer liegende Unterstände gebaut, um Einschüsse zu vermeiden. In den Reservestellungen gab es unterirdisch liegende Unterstände, zu denen man über eine Treppe gelangte. Die Gräben der Alliierten reichten qualitativ nie an die deutschen Gräben heran. Ein Soldat beschrieb 1915 die deutschen Anlagen folgendermaßen: „Ich spaziere alleine durch Ablain-Saint-Nazaire, das diesen Morgen von den Deutschen besetzt ist. Ah! Diese schönen, sauberen Verbindungsgräben, eng und gut gestützt, und diese schönen Wachtposten! […] Wir sehen schöne tief gelegene Unterstände, in denen die Truppen der Gegenseite schlafen[…,] während die Soldaten unseres Grabens wie eingefrorene Statuen Wache halten.“

Neuere historische Untersuchungen haben ein regelrechtes „Grabensystem“ nachgewiesen. Diese von Menschen erschaffenen Bauten führten zu einer ganz eigenen Lebensweise und zu einem besonderen Umgang mit dem Tod. Jeder im Schützengraben wollte überleben, trotz vieler „Feinde“ wie Granaten, Splitter, Kugeln und Minen. Das Feuer der Schützengrabenartillerie war gefürchtet. Auf beiden Seiten litten die Männer unter Kälte, Ratten und Ungeziefer. Dem nassen Schlamm konnten sie sich nur entziehen, wenn sie die Gräben hin und wieder verließen und Zuflucht auf der Rüstung suchten. Eine Art stillschweigende Vereinbarung sorgte dafür, dass in diesem Fall nicht auf den Feind geschossen wurde. Der Titel eines Buches von Pierre Chaine fasst das Leben der Infanteristen in den Schützengräben treffend zusammen: „Les Mémoires d’un rat“ („Erinnerungen einer Ratte“).

Didier PARIS,
Geschichtslehrer