Die Front, die Schützengräben, die Offensiven

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Vier Jahre lang herrschte in der Region Artois und in Flandern der Grabenkrieg. Er brachte die Generalsstäbe der beiden Lager dazu, ihre Kriegsführung, die eine Unmenge an Männern und Material erforderte, defensiv auszurichten und Angriffe nur punktuell einzuleiten.

Im Mittelpunkt der Geschichtsbücher stehen meist die Blutbäder, zu denen die großen Offensiven im Artois in den Jahren 1915 und 1917 führten. Darüber sollte man nicht den Alltag in den Schützengräben vergessen. Auch wenn die Soldaten beider Seiten nicht durchgehend kämpften, war das Leben an der Front eine schreckliche Belastungsprobe. Ständig lauerte die ungewisse Bedrohung durch die feindliche Artillerie. Immer wieder kam es zu punktuellen Angriffen und meist nächtlichen Überfällen, um die feindliche Verteidigung auszukundschaften. Sogar in den Gebieten, die die Soldaten selber als „ruhige Front“ bezeichneten, kamen jeden Tag Menschen um Leben – meist durch explodierende Granaten. Um den psychischen und physischen Druck auf die Soldaten zu reduzieren, bemühte sich die Armeeführung um eine regelmäßige Ablösung: Die Infanteristen wurden kurzzeitig von der Front ins Hinterland verlegt. Dort standen zwar Drill und Übungsmärsche auf der Tagesordnung, aber die Soldaten hatten dennoch ein wenig mehr Freiheit.

In den Schützengräben waren die Männer während der Gefechtspausen zu regelmäßigen Arbeitsdiensten verpflichtet: Sie mussten Nachschub (Trinkwasser, Verpflegung, Munition), Holz und Material zur Verstärkung der Verteidigungssysteme heranschaffen. Die Bewegungen zwischen den hinteren Linien und der Front erfolgten durch enge, gewundene und schlammige Verbindungsgräben – und zum größten Teil nachts. Das war auch die günstigste Zeit für Aufklärungseinsätze an den feindlichen Linien und Kommandoaktionen, um  Gefangenen zu machen, die Informationen liefern sollten.

Der Alltag der Soldaten war von physischem und seelischem Leid geprägt. Die modernen Waffen und heftigen Artillerieangriffe führten oft zu schmerzhaften Verletzungen. Die Soldaten litten unter verschiedensten Krankheiten, die aufgrund der prekären Lebensbedingungen in den Schützengräben auftraten und sich dort verbreiteten – vor allem Lungenleiden, aber auch für diesen Krieg typische Erkrankungen, wie den Grabenfuß. Er tauchte im Winter 1914/1915 bei vielen Soldaten auf, die permanent im Schlammwasser der Schützengräben stehen mussten, und führte häufig zu Wundbrand. Psychische Traumata waren an der Tagesordnung, meist als Folge der Allgegenwart von Tod und Gefahr. Etliche Soldaten mussten den Verlust eines Kameraden verkraften oder sich ihr Lager mit anonymen Toten teilen. Denn viele, von der Artillerie zerfetzte Leichen wurden einfach in den Schützengräben oder deren Nähe liegengelassen. Der Versuch, sie zu begraben, konnte schnell zu einem tödlichen Unterfangen werden. Alle Frontsoldaten berichteten von dem schrecklichen Gestank, den die verwesenden Leichen verbreiteten. Die vielen Bombenangriffe, denen die Männer ohne wirksame Schutzmöglichkeit ausgeliefert waren, führten ebenfalls zu Traumata.  Mit der Zeit entwickelten alle Soldaten ein geschultes Gehör, um Kaliber und Abschussposition der Granaten einschätzen zu können. Die ständige Anspannung, jederzeit und überall von einer Granate getroffen werden zu können, führte zu stressbedingten psychischen Störungen wie dem shell shock, den britische Ärzte ab 1915 diagnostizierten und dessen Langzeitschäden von Schlafstörungen bis hin zu schweren psychosomatischen Erkrankungen reichten.

Ab Frühling 1915 ging jeder Offensive ein mächtiges Trommelfeuer voraus, um die feindlichen Frontlinien sowie deren Nachschubwege zu zerstören. So wurden bei dem Angriff der Franzosen im Artois am 9. Mai 1915 im Lauf eines einzigen Tages mehr als 1.000 Geschütze eingesetzt und 30.000 Granaten abgeschossen. Ein noch größeres Ausmaß hatte der Angriff der Kanadier im April 1917 im gleichen Gebiet: 983 Geschütze feuerten fast eine Millionen Granaten auf die deutschen Linien.

Bei den Vorbereitungen einer Offensive musste nun auch immer der erhebliche Bedarf an Menschen (Reservetruppen, Versorgung der Verwundeten) und an Gütern (Verpflegung, Munition) berücksichtigt werden. Jeder Infanterist führte bei Angriffen eine oder mehrere Tagesrationen Verpflegung mit sich. So befanden sich im Mai 1915 in den Proviantbeuteln der Männer der Division Alpine unter General Barbot „[…] Reserveverpflegung für 2 Tage sowie Schokolade, Sardinen und Käse“. Außerdem bekam jeder vor dem Verlassen des Schützengrabens eine Ration Schnaps ausgehändigt. Für die Truppen an vorderster Front war die Versorgung mit Trinkwasser besonders wichtig. Im hinteren Bereich der Schützengräben wurden Lagermöglichkeiten aufgestellt, meist Tanks oder Tonnen.

Der Transport der Munition war eine ebenso komplexe Angelegenheit. Beachtliche Mengen an Kugeln und Granaten mussten von den großen Militärbasen im Hinterland zu den vorgeschobenen Lagern der zweiten Linie gebracht werden. Die Lieferung erfolgte zunächst per Eisenbahn, dann auf der Straße mit Hippomobil- oder Automobilkolonnen und schließlich auf den Rücken der Soldaten bis in die Schützengräben. Nach und nach mechanisierten die Kriegführenden einen Teil des Transports und ließen Gleise für Schmalspurbahnen bis möglichst nah an die Front verlegen.

Ein wichtiges Thema war auch der Fronteinsatz der Reservetruppen. So konnte aufgrund mangelnder Vorkehrungen in dieser Hinsicht der Durchstoß der französischen Truppen auf Souchez und Vimy im Mai 1915 nicht entscheidend ausgenutzt werden. Auch mussten die Abläufe zum schnellstmöglichen Abtransport der Verwundeten aus den Schützengräben organisierte werden. An vorderster Front versorgten Sanitäter und Krankenpfleger die Verletzten, bevor man sie zur ersten Station der medizinischen Kette, den Erste-Hilfe-Posten nahe der Front brachte. Dort wurden die Notfälle verarztet, allen voran schwere Blutungen. Anschließend kamen die Verwundeten in Feldlazarette, in denen sie je nach Schweregrad ihrer Verletzungen behandelt und gegebenenfalls notoperiert wurden. Eisenbahnen und Lastwagen brachten die Überlebenden schließlich in Militärkrankenhäuser. Die der Alliierten befanden sich in Küstennähe, die der Deutschen in den Städten des besetzten Nordens. Während 1915 noch Improvisation und Chaos herrschten, waren die Abläufe bei den Briten 1917 bereits straff durchorganisiert. Zu diesem Zeitpunkt setzten die Kriegführenden unter Berufung auf das Kriegsrecht auch Gefangene als Krankenträger ein, die in der Regel aber sehr korrekt behandelt wurden.

Yves LE MANER,
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas de Calais