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Pascal Mor
Monument aux victimes de l'explosion de la poudri

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- Lille

Lille unter deutscher Besatzung

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Nach einer Belagerung, die vom 3. bis 13. Oktober 1914 andauerte, und einem intensiven Bombardement, bei dem 882 Gebäude und 1.500 Häuser vor allem im Bahnhofsviertel und in der Innenstadt zerstört wurden, nahmen die Deutschen Lille ein. Im Laufe des Oktobers richtete sich die deutsche Verwaltung in Lille ein.

Das Kommando der 6. deutschen Armee ließ sich in der Präfektur nieder. General von Heinrich führte die Besatzungstruppen an, während sich General von Grävenitz um die Beziehungen zu der französischen Zivilbevölkerung kümmerte. Im Jahr 1916 löste von Grävenitz von Heinrich ab.

Die Kommandantur in Lille nutzte die Räumlichkeiten der Bank Crédit du Nord in der Rue Jean Roisin. Jeden Tag um 10 Uhr fand dort eine Sitzung statt, an welcher der Bürgermeister von Lille, der Präfekt, der Bischof von Lille und General von Heinrich teilnahmen.

Die Liller Kriegszeitung, eine deutschsprachige Tageszeitung für die Besatzungstruppen, war im Gebäude der Zeitung Echo du Nord untergebracht, deren Druckpressen beschlagnahmt worden waren. Die anderen deutschsprachigen Tageszeitungen (Westfront und Armeezeitung) wurden im Gebäude der Bank Crédit Lyonnais in der Rue Nationale in Lille verkauft. Die Bank war besetzt und zu einem „Haus der Presse“ umfunktioniert worden.

Die Pass-Zentrale händigte ihre Passierscheine zunächst im Rathaus von Lille und später in der Rue Jean-Roisin aus.
Die deutsche Post zog in das Gebäude der Nouvelle Bourse (Neue Börse, die heutige Industrie- und Handelskammer) ein.
Die deutsche Militärpolizei richtete sich am Desrousseaux-Square in der Rue Nationale ein;
die Intendantur am Grand-Place;
das Wirtschaftsamt in der Rue Nationale.
Die Zitadelle diente als Gefängnis für die Geiseln, die von den Besatzern vorsorglich inhaftiert worden waren, um den Gehorsam der Bevölkerung zu erzwingen.

Kaum 20 Kilometer von Lille entfernt lag die Front. Auf dem Weg dorthin durchquerten viele Einheiten die Stadt. Sanitätskolonnen transportierten die Verletzten, die in den Krankenhäusern von Lille – vor allem in der Charité und in St-Sauveur – oder im besetzten und zum Lazarett umgewandelten Gymnasium Faidherbe versorgt wurden.

Schon bald entwickelte sich Lille auch zu einem Erholungsort für die deutschen Truppen.
Die einfachen Soldaten entspannten sich in den Cafés und Kneipen, wo das Bier in Strömen floss. Im Straßenbahn-Kiosk des Grand-Place wurde eine kleine Trinkhalle eingerichtet.
Die Offiziere trafen sich in den beschlagnahmten Café-Restaurants La Paix, Belleville, Royal, Moderne oder l‘Europe.
Auf der Rue Nationale trafen sich die Soldaten und flanierten dort gerne. Die von deutschen Zivilisten betriebenen Geschäfte florierten. Vor allem die Bäckereien Yanka, Marquise de Sévigné oder Méert waren immer voll.
Eine Militärkantine mit dem Namen Zum Feldgrauen öffnete in der Rue Neuve, eine weitere befand sich in den Räumlichkeiten des Freimaurertempels. Ein „Haus des Soldaten“ wurde im „Cercle militaire“ eingerichtet.
Mehrere Kasinos öffneten ihre Pforten: Das Offizier-Kasino auf der Kreuzung Rue Nationle/Rue Pas sowie ein Kasino für Soldaten auf der Rue Neuve. Ein Soldatenkino nahm in der Rue Esquermoise den Betrieb auf.

Die heutige Oper von Lille hieß damals noch Nouveau Théâtre. 1903 war es durch einen Brand zerstört worden und der Wiederaufbau bei Kriegsausbruch noch nicht abgeschlossen. So kam es, dass die Deutschen die Arbeiten beendeten und am Frontgiebel den Schriftzug „Théatre allemand“ („Deutsches Theater“) anbrachten. Die erste Aufführung fand Weihnachten 1915 mit großem Pomp im Beisein von Kronprinz Rupprecht von Bayern und Gouverneur von Heinrich statt. Berliner Künstler spielten Goethes Iphigenie, ein symphonisches Präludium sowie Festklänge von Liszt. In der Folgezeit wurden die Nibelungen und diverse Operetten aufgeführt. Die Zivilbevölkerung wurde dazu eingeladen, den Aufführungen beizuwohnen, blieb diesen jedoch fern. Die deutschen Künstler verließen Ende September 1918 die Oper – nicht ohne zuvor alle Bühnenkulissen und Requisiten zu zerstören.

Konzerte und Matineen wurden im Vauban-Garten oder auf dem Jussieu-Square gegeben. Jeden Tag um Punkt 12 Uhr nach deutscher Zeit fand die Ablösung der Wache statt. Das bayrische Bataillon schritt die Rue Nationale herab; ihm gingen Soldaten mit Querpfeifen und Trommeln voraus.
Lille empfing zahlreiche berühmte deutsche Persönlichkeiten: Kaiser Wilhelm II. im Frühling 1918, den König von Bayern und den Kronprinz Rupprecht von Bayern im Juli 1916, die Prinzen von Sachsen oder Württemberg. Diese offiziellen Besuche waren stets Anlass für große Militärparaden.

Um die Moral der einheimischen Bevölkerung zu untergraben und jene der eigenen Leute zu steigern, wurden beinahe täglich alliierte Kriegsgefangene zur Schau gestellt. Die Gefangenen, die vom Landsturm (der Reservearmee) angeführt wurden, marschierten durch die Straßen, vom Bahnhof zur Zitadelle und zurück. Es war den Einwohnern Lilles untersagt, mit ihnen zu sprechen oder ihnen Sympathiebeweise entgegenzubringen.

Die einfachen Soldaten waren in Kasernen untergebracht, die sich in stillgelegten Fabriken befanden, zum Beispiel in der Liller Tabakmanufaktur. Die Offiziere wohnten hingegen in beschlagnahmten Häusern. Prinz Rupprecht etwa logierte in der Villa des Dr. Dubar in der Avenue Salomon und General von Heinrich bewohnte das herrschaftliche Haus von Marie Boselli-Scrive, die vorher zur Räumung gezwungen worden war.



Die Explosion der Bastion „18 Ponts“ in Lille


Am 11. Januar 1916 um 3 Uhr 30 nachts wurde Lille von einer heftigen Explosion erschüttert. Ein grelles, gelbes Licht erhellte plötzlich den Himmel. Der Grund: Die Bastion „18 Ponts“ war in die Luft gegangen. Als Teil der Befestigungsanlage der Stadt lag sie am Boulevard de Belfort und bestand aus überwölbten Bunkern, die als Pulvermagazin dienten. Sie war aus 18 Rundbögen konstruiert – daher ihr Name –, ging über zwei Etagen und verfügte über tiefe Kellergeschosse. Diese waren durch ein solides Gewölbe geschützt, welches wiederum durch eine kompakte Erdschicht bedeckt war. Die Deutschen hatten in der Bastion Munition und Sprengstoff eingelagert.

Die Explosion zerstörte das Munitionslager komplett und hinterließ einen riesigen Krater von 150 Metern Durchmesser und etwa 30 Metern Tiefe. Das ganze Viertel Moulins lag in Schutt und Asche. Besonders betroffen waren die Rue de Ronchin (heute Rue J. Jaurès), Rue Desaix, Rue Kellermann, Rue de Trévise und der Boulevard de Belfort. 21 Fabriken und 738 Häuser waren wie weggefegt worden. Die Textilfabriken Wallaert und Le Blan, beides solide Konstruktionen aus Stahlbeton, lagen wie ein Schutzschild zwischen Explosionsort und Stadt und hatten so Schlimmeres verhindert. Dennoch wurden auch an der Place der la République, der Rue de Béthune, am Boulevard de la Liberté, am Boulevards des Ecoles und sogar noch in Ascq, Hellemmes, Mons-en-Baroeul und Roubaix Schäden festgestellt. Die Explosion war über 150 Kilometer entfernt in Ostende, Brüssel und Breda zu hören gewesen. 30 Deutsche und 104 Zivilisten starben, darunter auch ganze Familien. Hinzu kamen 300 bis 400 Verletzte, davon 116 schwer.

Über die Ursachen der Explosion ist nichts Genaues bekannt. Man sprach von einem Attentat, ohne jedoch Beweise dafür zu finden, aber auch von einer Bombe, die ein britisches Flugzeug angeblich abgeworfen habe. Allerdings hatte niemand Motorengeräusche vernommen. Wahrscheinlicher ist eine spontane Detonation eines Sprengstoffs von schlechter Qualität.


Der Brand des Rathauses von Lille


In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1916 brach gegen 21 Uhr 30 ein Brand auf der zweiten Etage des Rathauses von Lille aus. Dieses befand sich damals an der Place Rihour. Die Deutschen waren zwar schnell zur Stelle, die Feuerwehr traf jedoch aufgrund der Sperrstunde mit einer gewissen Verspätung ein. Das Feuer breitete sich rasch im ganzen Gebäude aus. Die Feuerwehr bemühte sich, die benachbarten Gebäude zu schützen und hatte dabei mit einem geringen Wasserdruck zu kämpfen.

Letztlich konnten lediglich die Konklave und die Finanzabteilung gerettet werden. Sämtliche städtischen Archive aus dem 19. Jahrhundert sowie ein Teil der Stadtbibliothek gingen in Rauch auf. Die Abteilungen des Rathauses wurden auf dem Boulevard de la Liberté und in der Präfektur untergebracht. Im April 1918 zogen sie in die Rue Gambetta. Auslöser des Brandes war vermutlich ein Unfall.

Ein neues Rathaus wurde nach dem Krieg nach Plänen des Architekten Emile Dubuisson errichtet. Die Wahl des Ortes war schnell getroffen: das Viertel Saint-Sauveur. Dort stand dem Gebäude eine größere Fläche zur Verfügung. Das Zentrum von Lille gewann dadurch mehr Wohnfläche. Die Einweihung des Rathauses fand 1932 statt.


Von Claudine WALLART,
Chefkonservatorin des
Kulturerbes am Archiv des Departements Nord