Die Strukturen der Besatzung

ImprimerTwitterFacebookGoogle+

Die deutsche Verwaltung

In den besetzten Gebieten wurde jegliche Staatsgewalt der deutschen Armee und ihrer höchsten Dienststelle, der Obersten Heeresleitung, übertragen. Diese hatte ihr Hauptquartier zunächst in Luxemburg eingerichtet, dann in Charleville in den Ardennen und im belgischen Spa, mit einer Kommandozentrale in Avesnes im Departement Pas-de-Calais. Neben den mit einer Heeresgruppe betrauten Generälen, gab es jeweils einen Etappeninspektor, der mit der Kontrolle der Zivilbevölkerung beauftragt war.

Die Städte und Dörfer unterstanden einer Kommandantur, die sich meist in der Kantonshauptstadt befand. Lagen diese in der Nähe der Front, handelte es sich um Ortskommandanturen. Die Kommandanturen, die weiter von der Front entfernt waren, hießen Etappenkommandantur. An der Spitze jeder Kommandantur stand ein Kommandant, der meist ein Offizier war. Diesem wurde von einer Landwache, oder „Chef de culture“, assistiert, die mit der Kontrolle der landwirtschaftlichen Betriebe beauftragt war. Von der Bevölkerung bekam sie schnell den Spitznamen „langue de vache“ („Kuhzunge“). Außerdem stand dem Kommandanten ein Inspektionsunteroffizier zur Seite, der mit Requisitionen und Durchsuchungen beauftragt war. Jeder Kommandant verfügte über sechs bis acht untergeordnete Kräfte, die erst aus den Reihen des Militärs rekrutiert, bald jedoch von deutschen Zivilisten ersetzt wurden.

Die Kommandanturen wurden in öffentlichen Gebäuden eingerichtet, oder in Häusern, deren Besitzer zur Räumung gezwungen worden waren. In Lille gab es einen General, der die Bezeichnung Gouverneur trug, und einen stellvertretenden General. In Valenciennes oder Saint-Amand war der Kommandant ein Oberst. In Avesnes-sur-Helpes arbeiteten 1917 ein Oberstkommandant, ein stellvertretender Leutnant, 21 Unteroffiziere und Soldaten sowie diverse Beamte, die für die Krankenhäuser, Geschäfte oder die Wirtschaftsausschüsse zuständig waren. Die Polizeiaufgaben wurden von Landjägern übernommen. Jede Kommandantur verfügte über einen Posten, der aus einigen Gendarmen zusammengestellt und von einem Unteroffizier geführt wurde. Sie waren verantwortlich für den Verkehr, wohnten Requisitionen bei, ahndeten Betrug und überwachten die Bevölkerung. In den Städten wurden die Landjäger von der Militärpolizei unterstützt, die aus frontunfähigen Soldaten bestand. Auf dem Land war eine Hilfswache für Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig. Zuwiderhandlungen wurden einem Polizeitribunal vorgeführt, das ein hauptamtlicher Richter leitete. Dort mussten auch die Strafgelder gezahlt werden, die häufig für Vergehen verhängt wurden.


Die Quartiere


Die Offiziere und die Truppe waren oft in Privathaushalten untergebracht, für die sie einen Quartierzettel vorweisen mussten. Während sich die Offiziere die schönsten Bleiben sicherten, mussten sich die einfachen Soldaten mit anderen Unterkünften begnügen. Dort standen ihnen jedoch die besten Zimmer zu. Die Küche wurde gemeinsam benutzt. Zu Beginn des Kriegs mussten die Wohnungsbesitzer für die Verpflegung der Besatzer sorgen. Angesichts des steigenden Mangels an Nahrungsmitteln verzichtete man darauf jedoch recht schnell. Die Büros und die ranghohen Persönlichkeiten waren in Gebäuden untergebracht, deren Besitzer man zur Räumung gezwungen hatte. Kronprinz Rupprecht von Bayern etwa wohnte in Lille in dem prächtigen Anwesen des Doktor Dubar in der Avenue Salomon.

Anfang 1918 wurde das Hauptquartier der Obersten Heeresleitung anlässlich der deutschen Frühlingsoffensive von Spa in Belgien nach Avesnes-sur-Helpe verlegt. Kaiser Wilhelm II. ließ sich auf Schloss Mérode in Trélon nieder, General Paul von Hindenburg in der Unterpräfektur von Avesnes und Ludendorff und sein Gefolge in Dourlers, Dompierre und Saint-Hilaire. Als Sommerquartier wählte Kaiser Wilhelm II. das in Avesnes, Route de Landrecies gelegene Schloss Dubois. Auch Schulen wurden häufig besetzt. Unterricht war ohnehin kaum mehr möglich, weil die Lehrer entweder eingezogen worden waren oder Arbeitsdienst leisten mussten.

Die französische Verwaltung

Die französische Verwaltung bestand neben der deutschen Verwaltung weiterhin, aber ihr Einfluss war sehr reduziert. Der Präfekt des Departements Nord, Félix Trépont, blieb 1914 zunächst auf seinem Posten. 1915 wurde er jedoch festgenommen und nach Deutschland deportiert. Später durfte er nach Frankreich zurückkehren und nahm in Dunkerque bis 1918 wieder seinen Posten als Präfekt des Departements Nord ein. Während seiner Haft erklärten die Deutschen den Unterpräfekten von Avesnes-sur-Helpe, M. Anjubault, zum Präfekten des Departements.

Im Laufe des Krieges konnte man beobachten, wie sich die Zuständigkeitsbereiche der Bürgermeister immer weiter ausdehnten. Der Bürgermeister von Lille, Charles Delesalle, beispielsweise befreite sich von der Bevormundung durch die Präfektur. Er strebte nach einer Art modus vivendi mit den Besatzern und achtete – obwohl er sich loyal gegenüber den Deutschen zeigte – sehr auf das Einhalten der Haager Konventionen. Dieses Abkommen „betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs“ wurde 1899 beschlossen und 1907 weiterentwickelt. Es umfasst vor allem Verpflichtungen der Militäradministrationen in Fragen der Zivilverwaltung besetzter Gebiete. Nach der Befreiung wurde Charles Delesalle sein mangelnder Widerstand gegen die Besatzer vorgeworfen.

Die Stadtverwaltung Lille veröffentlichte unter deutscher Kontrolle den Bulletin de Lille. Herausgeber war Paul Cornil. Das kleinformatige Blatt, beidseitig bedruckt, erschien zweimal pro Woche (sonntags und donnerstags). Die erste Ausgabe wurde am 15. November 1914 veröffentlicht. Sie beinhaltete außer offiziellen Informationen und Anordnungen der Deutschen auch Werbeanzeigen, Hochzeits- und Todesanzeigen für die Stadt Lille, Kochrezepte, Gedichte sowie Hygiene- und Ernährungsratschläge.

Von Claudine Wallart,
Chefkonservatorin des Kulturerbes am Archiv des Departements Nord