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- 1918 - Lille

Die Befreiung und der Waffenstillstand

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Die Befreiung

Ende September 1918 evakuierte der Generalstab der 6. deutschen Armee Lille, nachdem er einige Brücken in die Luft gesprengt hatte (der Pont-Neuf blieb verschont). Die deutschen Soldaten verließen ohne den geringsten Widerstand die Stadt. Lille wurde von der englischen Armee unter General Birdwood am 17. Oktober 1918 befreit. Die gesamte Presse, die nun wieder zu Leben erwachte, feierte die Erlösung (u.a. das Echo du Nord und der Progrès du Nord). Der erste französische Soldat, der in der befreiten Stadt eintraf, war der Sohn des Bürgermeisters, Carl Delesalle.

Die englische Militärkapelle schritt musizierend die Rue Nationale in Richtung des Grand-Place herab, wo sie von einer laut jubelnden Menge empfangen wurde, die die Marseillaise sang braucht keine Erklärung. Anschließend gab es eine Reihe offizieller Besuche: Am 19. Oktober wurde der Premierminister Georges Clemenceau im Rathaus und in der Präfektur vom neuen Präfekten empfangen. Am 20. wurde der Bürgermeister Charles Delesalle in Paris auf der Place de la Concorde vor der mit Blumen bedeckten Statue von Lille bejubelt.

Am 21. wurde der Präsident der Republik, Raymond Poincaré, von einer ausgelassenen Menge auf dem Hauptplatz, dem Grand-Place, begrüßt, während die englischen Truppen paradierten. Am 28. wurde General Birdwood zum Ehrenbürger von Lille ernannt. Auch Foch, Pétain und König Georg V. kamen nach Lille. In allen anderen befreiten Städten gab es die gleichen Jubelszenen und auch die offiziellen Besuche wiederholten sich dort.

Präsident Poincaré besuchte am 10. November Douai und Valenciennes, am 29. Januar Avesnes-sur-Helpe. Am 7. November schritt der Prinz von Wales bei der Fête de la Délivrance (Fest anlässlich der Befreiung) die Truppen ab. Am 1. Dezember wurde König Georg V. in Avesnes empfangen. Nach mehr als vier Jahren der Isolation wurde die Bevölkerung von Nord wieder in den Schoss des „Mutterlandes“ zurückgeführt.

 

Der Waffenstillstand

Am 7. November 1918 zwischen 11 und 12 Uhr mittags hielt ein deutsches Automobil in Fourmies. Die Insassen stiegen aus, um sich zu stärken. General Winterfeld stieg wieder ein. Er trug ein Bambusrohr mit sich, das zuvor als Kernachse einer Teppichrolle gedient hatte, und einen Bettbezug; diese Gegenstände dienten den deutschen Gesandten als weiße Fahne. Außer dem oben genannten General zählten zu den Insassen des Autos der Staatsminister Erzberger, der Diplomat Graf Oberndorff und der Schiffskapitän Vanselow. Der Wagen kehrte viermal nach Fourmies zurück, bevor er die französischen Linien in Haudroy, im Südwesten von La Capelle, überschreiten konnte.

Die Gesandten wurden anschließend mit dem Zug nach Compiègne gebracht, wo sie auf Marschall Foch trafen, den Präsidenten der interalliierten Delegation, um den Waffenstillstand zu verhandeln. Die Deutschen überschritten erneut die Linien in Fourmies, um sich zum zum Hauptquartier der Obersten Heeresleitung nach Spa zu begeben. Sie bekamen eine Frist von drei Tagen gesetzt, um die Bedingungen der Alliierten zu akzeptieren oder diese abzulehnen.

In Deutschland herrschte Revolution. Am 9. November gab es einen Aufstand in Berlin. Kaiser Wilhelm II dankte ab und der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann rief die Republik aus.Am 11. November um 11 Uhr vormittags kündigte der Hornist Sellier das Ende der Kämpfe an: Das besiegte Deutschland akzeptierte die Bedingungen des Waffenstillstands. Zu den wichtigsten Klauseln gehörte die Lieferung von Militärmaterial (5.000 Kanonen, 3.000 Granatwerfer, 2.500 Maschinengewehre, 1.700 Flugzeuge, alle U-Boote sowie ein Teil der Flotte) und Transportmaterial. Damit sollte Deutschland daran gehindert werden, den Krieg wieder aufzunehmen.

Die Bedingungen des Waffenstillstands wurden jedoch etwas erleichtert, um Deutschland nicht komplett zu entwaffnen und die Möglichkeit zu geben, gegen die Revolution anzugehen. Neben der Entwaffnung umfassten die Bedingungen den Rückzug aus den besetzten Gebieten und die Entmilitarisierung der deutschen Grenzgebiete: Die noch besetzten Gebiete sowie das linke Rheinufer und ein Streifen von zehn Kilometern rechtsrheinisch von der Niederlande bis zur Schweiz mussten binnen 14 Tagen evakuiert werden.

Die Zeitung Gazette des Ardennes schrieb 1918 in ihrer 698. Ausgabe vorausschauend: „Nehmen wir einmal die unwahrscheinliche, unmögliche Eventualität einer deutschen Niederlage an. Das Deutschland von Morgen würde trotz der Hindernisse und Gewalttätigkeiten ein gesundes, junges und entschlossenes Volk bleiben, als das es sich während der großen historischen Prüfung der letzten vier Jahre erwiesen hat.

Und Frankreich würde Nachbar dieses großen unterdrückten Volkes bleiben, das nur einen Wunsch hätte: Seine Freiheit und sein Recht als große Nation zurückzuerobern, derer der Groll, der Hass und der Neid es ungerechterweise beraubt haben. Ein neuer deutsch-französischer Krieg, noch erbarmungsloser als dieser hier, wäre unvermeidbar…“


Claudine WALLART,
Chefkonservatorin des Kulturerbes
am Archiv des Departements Nord