Der Widerstand bei der ersten deutschen Besatzung: Louise De Bettignies und das Netzwerk „Alice“, Léon Trulin, das Komitee Jacquet, die Untergrundpresse

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Während des Ersten Weltkrieges war das Wort „Widerstandskämpfer“ im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg nicht gebräuchlich. Um auf Personen zu verweisen, die sich gegen die deutschen Besatzer einsetzten, wurde der alte Ausdruck Spion verwendet.

Die Alliierten wollten vor allem präzise Informationen über die Einrichtungen der Deutschen erhalten. Dafür versuchten sie, in den besetzten Gebieten Agenten anzuwerben, die zuverlässige Informationen zusammentragen und übermitteln könnten. In Folkestone wurde das Bureau interallié de renseignement (Geheimdienst der Alliierten) unter Leitung des britischen Offiziers, Major Cecil Aylmer-Cameron, eingerichtet. Es verfügte über Daten, die von den zweiten Büros in Frankreich und Belgien geliefert wurden. Das Büro von Folkestone wurde allerdings erst ab März 1918, mit der Nominierung von General Foch zum Oberbefehlshaber der alliierten Armeen, alleiniges Koordinierungsorgan aller alliierten Auskunftsstellen. Um die Verbindung zwischen den besetzten Gebieten und den Frontabschnitten, die sich unter Kontrolle der Alliierten befanden, sicherzustellen, wurden von den Netzwerken zumeist Brieftauben eingesetzt. Das Abfangen einiger dieser Brieftauben führte zur Aufdeckung von mehreren Organisationen. Das Büro von Folkestone verfügte über zwei Antennen außerhalb des Vereinigten Königreichs: Eine befand sich in Rotterdam in den neutralen Niederlanden und eine in Montreuil-sur-Mer, im Hinterland der Front.

In Saint-Omer, wo sich bis 1916 das britische Hauptlager unter General French befand, kontaktierten die Informationsabteilungen zum ersten Mal Louise de Bettignies, eine aus dem Departement Nord stammende junge Frau. Diese verbreitete seit Beginn der Besatzung Botschaften der von den Deutschen unterdrückten Einwohner Lilles an ihre Landsleute in den nicht besetzten Gebieten. Louise de Bettignies wurde 1880 in Saint-Amand-les-Eaux in einer aristokratischen, aber mittellosen Familie geboren. Nach ihrer Schulzeit auf dem Gymnasium von Valenciennes arbeitete sie als Hauslehrerin in hochangesehenen Familien in mehreren europäischen Ländern. Die moderne, junge Frau sprach nicht nur fließend Englisch, Deutsch und Italienisch, sondern verstand auch Russisch, Tschechisch und Spanisch. In den ersten Monaten des Kriegs, nach dem Einmarsch der Deutschen in Lille, wo sie lebte, flüchtete sie nach Saint-Omer und versorgte dort Verwundete. Hier bekam sie eine Anfrage des französischen Geheimdienstes, entschied sich jedoch, für den britischen Auslandsgeheimdienst Intelligence Service zu arbeiten. Sie absolvierte eine Intensivausbildung in Großbritannien, bei der sie den Gebrauch von Codes, Planzeichnung und Methoden der Informationssammlung und -übertragung erlernte, und nahm das Pseudonym Alice Dubois an.

Louise de Bettignies wurde in Belgien eingeschleust und erhielt eine Scheinanstellung in einem niederländischen Unternehmen, der Compagnie des Céréales de Flessingue. Ihre Hauptaufgabe war es, über die Bewegungen der deutschen Truppen im Liller Gebiet zu berichten, dem Dreh- und Angelpunkt der deutschen Armee in diesem Teil der Westfront. Im Frühling 1915 umfasste das Netzwerk „Alice“ 80 Männer und Frauen aus allen sozialen Schichten. Sie überwachten Züge, orteten Standorte der Kanonenbatterien, der Munitionslager und der Generalstäbe und sicherten die Passage alliierter Soldaten in die Niederlande. Das Netzwerk profitierte von den Fähigkeiten des Belgiers De Geyter, Besitzer eines industriellen Chemielabors, der gefälschte Papiere herstellte. „Boten“ sicherten die schnellstmögliche Übermittlung der Informationen in die Niederlande. Die 80 Personen im Netzwerk „Alice“ aus der Region Lille-Roubaix-Tourcoing waren meist Bahn- oder Postangestellte, Fahrer, Personen, die beruflich viel reisen mussten, und solche, die wie Ärzte oder Priester von Berufswegen daran gewöhnt waren, Geheimnisse für sich zu behalten. Das Netzwerk kooperierte ab Frühling 1915 mit Marie-Léonie Vanhoutte, die nun „Charlotte Lameron“ genannt wurde. Im Sommer 1915 weiteten sie ihre Dienste auf den Abschnitt Cambrai-Valenciennes-Saint-Quentin aus.

Um Spionageaktivitäten zu verhindern, ergriffen die Deutschen schnell brutale Maßnahmen. Während des gesamten Kriegs wurden im Departement Nord 21 Todesurteile sowie viele Gefängnisstrafen und Verurteilungen zu Zwangsarbeit verhängt.

Zu den Opfern zählte auch der junge Student Léon Trulin, der das kleine Informationsnetzwerk „Léon 143“ organisierte und zum Netzwerk „Alice“ gehörte. Der 18-Jährige wurde am 8. November 1915 in den Gräben der Zitadelle von Lille erschossen. Trulin war am 2. Juni 1899 im belgischen Ath geboren worden und 1902 mit seiner Familie nach La Madeleine-lez-Lille gezogen. In den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs, direkt nach der Invasion der Deutschen, begab er sich nach England, um sich in der belgischen Armee zu verpflichten. Er wurde jedoch aufgrund seines jungen Alters zurückgewiesen. Er wandte sich an die Briten. Diese schlugen ihm vor, in das besetzte Gebiet zurückzukehren und einen Geheimdienst zu gründen. Er stellte die Organisation in den ersten Monaten des Jahres 1915 mit Hilfe anderer junger Männer auf: Raymond Derain (18 Jahre), Marcel Gotti (15 Jahre), André Herman (18 Jahre), Marcel Lemaire (17 Jahre) und Lucien Deswaf (18 Jahre). Er selber sorgte für die Übermittlung der Dokumente in die Niederlande. Er wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1915 in der Nähe von Antwerpen festgenommen und zum Tod wegen „Spionage“ verurteilt: In seinem Portemonnaie hatten die Deutschen mehrere Berichte, Fotografien und Pläne der deutschen Militäranlagen gefunden. Im September 1919 wurde ihm posthum die britische Kriegsmedaille verliehen, sowie am 30. Januar 1920 das Großkreuz des Order of the British Empire.

Louise de Bettignies, die jede Woche die belgisch-holländische Grenze überquerte, um der englischen Abteilung ihre Berichte zu überbringen, wurde intensiv durch die deutsche Gegenspionage beobachtet. Nachdem sie am 20. Oktober 1915 in Froyennes bei Tournai in eine Falle getappt war, wurde sie im Gefängnis Saint-Gilles in Brüssel gefangen gehalten und am 19. März 1916 zum Tode verurteilt. Zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung war jedoch eine große internationale Kampagne gegen die Hinrichtungen der britischen Krankenschwester Edith Cavell und der belgischen Widerstandkämpferin Gabrielle Petit im Gange. Louise von Bettignies wurde daher von Gouverneur Bissing begnadigt. Ihre Strafe wurde in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Am 21. April 1916 wurde sie Insassin der Festung Sieburg. Zu dem Zeitpunkt genoss sie in Frankreich und Großbritannien bereits großes Ansehen.

Louise de Bettignies litt unter schlechten Haftbedingungen. Sie wurde in Einzelhaft gesteckt, weil sie ihre Mithäftlinge angestachelt haben soll, die Arbeit für die Deutschen zu verweigern. Sie starb am 27. September 1918 im St. Marien Hospital in Köln in Folge einer schlecht behandelten Rippenfellentzündung. Ihr Leichnam wurde im März 1920 nach Lille überführt, wo eine Trauerfeier ausgerichtet wurde. Anschließend wurde sie in ihrer Heimatstadt Saint-Amand-les-Eaux beigesetzt. Das Holzkreuz, das die Deutschen an ihrem Grab in Köln angebracht hatten, wird seit 1994 in einer Vitrine in der Basilika von Notre-Dame-de-Lorette ausgestellt.

In Lille erinnern mehrere Denkmäler an die „Widerstandskämpfer“ des Ersten Weltkriegs:
-    Die Statue von Louise de Bettignies, Boulevard Carnot,
-    Die Statue von Léon Trulin, die sich am Anfang der gleichnamigen Straße direkt neben der Oper befindet,
-    Das „Denkmal der Erschossenen von Lille“, das an die Hinrichtung der Mitglieder des „Komitee Jacquet“ erinnert; am Eingang der Esplanade.


Yves LE MANER,
Direktor von La Coupole,
Zentrum für Geschichte und Erinnerung im Nord-Pas-de-Calais

 


Das Komitee Jacquet

Eugène Jacquet, Weingroßhändler, Generalsekretär der Menschenrechtsliga in Nord, Sozialist, Freimaurer und Pazifist, schloss sich im Jahr 1914 der Union sacrée an. Da er bereits in den USA und in Großbritannien gelebt hatte, sprach er fließend Englisch. Mit seinen Freunden George Maertens, Ernest Deconinck und dem Belgier Sylvère Verhulst stellte er mit der Unterstützung des Präfekten Trépont ein Flucht- und Informationsnetzwerk auf die Beine. Zu diesem gehörten neben den Brüdern Plouvier, Textilindustrielle, die das Komitee finanziell unterstützten, auch professionelle Schmuggler (u.a. Gaston Lécuyer, Lén Vestens und Hyppolyte Cloots), die den Transport übernahmen, sowie Jean Vandenbosch, der für die Beschaffung von Informationen zuständig war.

Das „Komitee Jacquet“ wurde nach der Mapplebeck-Affäre aufgedeckt. Im März 1915 war ein britischer Flieger dazu gezwungen, in Wattignies zu landen, nachdem er Bomben auf das Liller Viertel Esquermes geworfen hatte. Der Pilot Mapplebeck wurde vom Netzwerk Jacquet unterstützt und nach Großbritannien zurückgeführt. Er überflog anschließend erneut Lille und warf einen Brief ab, in dem er sich über den Gouverneur Heinrich lustig machte. Die Mitglieder des Netzwerks wurden von einem gewissen Richard verraten (der 1919 zu Deportation verurteilt wurde) und festgenommen. Die Deutschen entdeckten versteckt in der Armlehne eines Sessels das Tagebuch des Fliegers. Mehr als 200 Personen wurden festgenommen. Jacquet wurde am 21. September 1915 vom Militärtribunal in Lille zum Tod verurteilt und mit ihm Verhulst, Maertens und Deconinck. Sie wurden im Morgengrauen des 22. hingerichtet. Die anderen Mitglieder des Komitees wurden zu Gefängnisstrafen oder Deportation verurteilt.


Claudine WALLART,
Chefkonservatorin des Kulturerbes
am Archiv des Departements Nord

Die Untergrundpresse

Ab Oktober 1914 wurden die Mitteilungen der Alliierten, die vom Eiffelturm und der englischen Station von Poldu verbreitet wurden, vom Priester Pinte, Chemieprofessor am technischen Institut von Roubaix, und Firmin, Leiter desselben Instituts, abgefangen und mündlich weitergegeben. Am ersten Januar 1915 wurden von diesen Nachrichten mehrere dutzend Exemplare in der Apotheke von Joseph Willot per Matrize gedruckt: „Le journal des occupés … inoccupés“ („Die Zeitung der Besetzten ... die unbesetzt sind“). Die Zeitung, bei der Willot gleichzeitig als Direktor, Chefredakteur, Drucker und Vertreiber fungierte, wurde am 22. Januar 1915 auf sein Betreiben in „La Patience“ („Die Geduld“) umbenannt. Das wöchentlich, später zweimal wöchentlich erscheinende Journal bestand aus 30 Seiten von kleinem Format. Am ersten März 1916 änderte sich der Name zu „L’Oiseau de France“ („Der Vogel von Frankreich“) und seine Auflage erreichte tausend Exemplare. Am 21. Oktober 1916 wurde der Priester Pinte festgenommen. Um ihn zu entlasten, veröffentlichte Joseph Willot „La Voix de la Patrie“ („Die Stimme des Vaterlandes“), aber er wurde am 19. Dezember 1916 selbst mit seiner Frau und Firmin Dubar und seinen Mitarbeitern festgenommen. Willots Frau starb in Haft, während die anderen am 17. April 1917 zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Sie wurden in Rheinbach in Deutschland inhaftiert. Durch den Waffenstillstand befreit, kehrten sie erschöpft nach Frankreich zurück. Joseph Willot starb am 1. April 1919 an den Folgen seiner Haft.


Claudine WALLART,
Chefkonservatorin des Kulturerbes
am Archiv des Departements Nord